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Annette Sach
Zuhause in zwei Kulturen

MIGRATION Noch nie gab es im Bundestag so viele Abgeordnete mit ausländischen Wurzeln. Sie alle bringen persönliche Erfahrungen anderer Kulturen mit ein - betonen aber, dass Integration in der Politik eine Querschnittsaufgabe ist

Der Kleingarten gilt als Inbegriff urdeutscher Gemütlichkeit. Genau diese grüne Idylle hat der gebürtige Afrikaner Karamba Diaby (SPD) gewählt, um in seinem Wahlkreis in Halle für seinen Einzug in den Bundestag zu werben: "Ich habe keinen Tür-zu-Tür-, sondern einen Laube-zu-Laube-Wahlkampf gemacht", erzählt der gebürtige Senegalese lachend. Mit den Schrebergärtnern kam Diaby, der vor 27 Jahren als Student in die DDR kam, besonders schnell ins Gespräch. In seiner Dissertation hatte der Chemiker zu Beginn der 1990er-Jahre über die Schadstoffbelastung von Kleingärten in Halle geschrieben. Ressentiments wegen seiner Hautfarbe hat Diaby bei seinem Wahlkampf nicht gespürt: "Meine Herkunft hat keine Rolle gespielt", erzählt er. Im Gegenteil. Seine Plakate mit der Aufschrift "Mit Karamba in den Bundestag" hingen in vielen kleinen Läden und sind "wie warme Semmeln weggegangen", berichtet er. Nach einer kleinen Zitterpartie zog der 52-Jährige am 22. September als erster Abgeordneter mit einem afrikanischen Geburtsort in den Bundestag ein. Schon vorher hatten viele internationale Zeitungen über seinen möglichen Einzug in den Bundestag als kleine Sensation berichtet. Die große Aufmerksamkeit der Weltpresse sieht Diaby als Zeichen dafür, dass "die politische Partizipation von Migranten noch in den Kinderschuhen steckt". Dies sei mit seiner Kandidatur noch deutlicher geworden und "hat nichts mit meiner Person als solcher zu tun".

Im neuen Bundestag ist Diaby aber keine Ausnahmeerscheinung, sondern einer von 36 Abgeordneten mit Migrationshintergrund. Laut Definition des Statistischen Bundesamtes zählt dazu jeder, der einen Elternteil ohne einen deutschen Pass hat. Die Zahl der Abgeordneten, deren familiäre Wurzeln nicht in Deutschland liegen, ist nach Berechnungen des Mediendienstes Integration seit der letzten Bundestagswahl von 3,4 Prozent auf 5,7 Prozent gestiegen. Gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung sind Abgeordnete aus Einwandererfamilien allerdings weiterhin unterrepräsentiert. Denn in der gesamten Bevölkerung liegt ihr Anteil bei 19 Prozent.

Nicht bei allen Abgeordneten erkennt man sofort, dass sie wie Swen Schulz (SPD) eine spanische Mutter oder wie Michaela Noll (CDU) iranische Vorfahren haben. Bei Agnieszka Brugger (Bündnis 90/Die Grünen) hingegen verrät der Vorname, dass sie in Polen geboren wurde. Im Gegensatz zu anderen empfindet sie das sperrige Wort Migrationshintergrund nicht als störend: "Für mich klingt das nicht umständlich, sondern nach Bereicherung. Ich kann sagen, dass ich in zwei Kulturen zuhause bin und das erweitert meinen persönlichen Horizont ungemein", betont die 28-Jährige, die vor vier Jahren als jüngste Frau in den Bundestag gewählt wurde. Mit vier Jahren kam sie mit ihren Eltern, die Spätaussiedler waren, nach Deutschland. Deutsch sei daher ihre Muttersprache und sie bedaure, dass ihr Polnisch "etwas verkümmert" sei. Brugger fühlt sich als "junge Europäerin" und hat in der letzten Legislaturperiode im Verteidigungsausschuss mitgearbeitet. Das habe auf den ersten Blick nichts mit dem Thema Migration zu tun. Auf den zweiten Blick, aber schon, sagt sie entschlossen, "da ich schon als junger Mensch für Ungerechtigkeiten sensibilisiert wurde, da ich gemerkt habe, dass ich manchmal anders behandelt wurde, weil ich nicht hier geboren wurde", erinnert sie sich. "Das ist auch der Grund, warum ich heute Politik mache." Außerdem versucht sie, andere junge Migranten zu ermuntern, sich politisch einzumischen. "Deutschland ist bunt, und dazu gehört es eben auch, dass sich mehr Menschen mit Migrationshintergrund politisch engagieren und in den Parlamenten vertreten sind." Eine Ansicht, die auch von Bundespräsident Joachim Gauck vertreten wird. In einem Interview mit der Zeitung "Bild am Sonntag" sagte er vor der Bundestagswahl: "Wir alle profitieren, wenn Frauen und Männer mit ganz unterschiedlichen Wurzeln ihre Erfahrungen in die Parlamente einbringen."

Zweite Gastarbeitergeneration

Die Wurzeln von Cemile Giousouf (CDU) liegen in Griechenland. Ihre Familie entstammt der türkischen Minderheit in Westthrakien. Ihre Eltern gehören zur so genannten ersten Gastarbeitergeneration, kamen Anfang der 1970er- Jahre nach Leverkusen und arbeiteten dort in einer Fabrik für Bremsbeläge. Die 35-Jährige verkörpert vieles, was man nicht sofort mit der CDU in Verbindung bringt: sie ist jung, weiblich und Muslimin - die erste in der CDU-Fraktion. Gerade weil sie Muslimin sei, fühle sie sich in der Partei mit dem C im Namen beheimatet, sagt die Politologin, denn "die CDU ist eine Partei, die religiöse Werte betont". Allerdings möchte sie keinesfalls darauf reduziert werden: "Glaube ist eine private Sache und jeder Politiker hat ein Recht darauf, seinen eigenen Glauben zu haben und zu leben", sagt sie.

Thematisch interessiert sich die Abgeordnete aus Hagen besonders für Bildungs- und Familienthemen. Sie legt aber Wert darauf, dass "das Thema Integration eine Querschnittsaufgabe ist". Dafür hat sie prominente Vorbilder: die ehemaligen CDU-Abgeordneten Heiner Geißler oder Rita Süssmuth hatten sich schon sehr früh dafür eingesetzt, "dass das Thema Integration beispielsweise im Bereich der Sozialpolitik frühzeitig aufgegriffen wurde", sagte sie.

Ihr künftiger Abgeordnetenkollege Richard Pitterle (Die Linke) hat in der letzten Legislaturperiode in einem Ausschuss gearbeitet, der nur wenig mit Integrationsfragen zu tun hat, im Finanzausschuss. Erfahrungen, wie schwierig es für Migranten sein kann, sich politisch zu engagieren, hat er auf kommunaler Ebene gemacht. "In Sindelfingen haben 45 Prozent der Bürger einen Migrationshintergrund, aber ich bin der einzige Gemeinderat mit Migrationshintergrund". Zwar würden die Parteien entsprechende Kandidaten aufstellen, "aber es ist offenbar noch immer schwierig, dass sie dann auch reingewählt werden", sagt Pitterle. Er selbst kam mit elf Jahren als Sohn eines Sudetendeutschen und einer Tschechin nach Deutschland, daher bekam seine Familie sofort einen deutschen Pass. Pitterle weiß, dass für viele Migranten der Umstand, nicht zwei Staatsangehörigkeiten haben zu können, ein Problem ist. Daher möchte er sich in der kommenden Wahlperiode dafür ebenso einsetzen wie für Erleichterungen beim Ehegattennachzug. Richard Pitterle sagt: "Ich weiß, wie sich Menschen fühlen, die zwei Identitäten haben. Man kann nicht verdrängen, wo man sozialisiert wurde und mit welcher Kultur man aufgewachsen ist."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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