Inhalt

Detlef Lehnert
Die Idee der Freiheit

GESCHICHTE Wichtige liberale Vordenker wie John Stuart Mill waren auch Vorkämpfer einer Demokratisierung des Parlamentarismus

John Stuart Mills liberales Manifest On Liberty erschien 1859, also elf Jahre nach dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels. Sein Vater James Mill war dem Philosophen des Utilitarismus, Jeremy Bentham, ebenso wie auch dem Nationalökonomen David Ricardo verbunden, der wiederum Marx wichtige Anregungen zu seiner Arbeitswertlehre hinterließ. In einer Zeit, als die Tory-gegnerischen Whigs noch einen recht konservativen und elitären Frühliberalismus vertraten, galten Denker und Politiker wie Mill geradezu als bürgerliche "Radicals". Sie gingen im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen nicht so weit wie frühsozialistische britische "Chartisten", traten aber wie diese für Wahlrechtserweiterung, Freihandel und soziale Reformen ein.

In der empiristischen Tradition des schottischen Landsmanns und liberalen Vordenkers des 18. Jahrhunderts, David Hume, der seinerseits den Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant wesentlich inspirierte, war Mill nicht bloß ein spekulativer Kopf, der abstrakt "Über die Freiheit" philosophierte. Davon zeugte bereits seine ebenfalls 1859 publizierte Abhandlung Thoughts on Parliamentary Reform ("Gedanken zu einer Parlamentsreform", 1861 gefolgt von Considerations on Representation Government ("Betrachtungen über die repräsentative Regierung"). Von 1865 bis 1868 war Mill Unterhausabgeordneter. Er gehörte mit zu den Vordenkern einer schrittweisen Demokratisierung des britischen Parlamentarismus, die mit den Wahlreformen von 1867 und 1884 auf den Weg gebracht wurde. Für die frühe bis mittlere viktorianische Ära geradezu revolutionär dachte Mill in Fragen der Frauenemanzipation einschließlich des Frauenstimmrechts.

Nonkonformismus

Als gedanklicher Kern der Millschen Freiheitslehre kann deren sozialverträglicher Nonkonformismus hervorgehoben werden, und zwar nicht allein in religiöser Hinsicht. Den Ausgangspunkt in der Einleitung zu seiner Abhandlung On Liberty bildete eine Perspektive vom Individuum über seine gesellschaftliche Verflechtung bis hin zur Allgemeinheit: "Ich betrachte Nützlichkeit als letzte Berufungsinstanz in allen ethischen Fragen, aber es muss Nützlichkeit im weitesten Sinne sein, begründet in den ewigen Interessen der Menschheit als eines sich entwickelnden Wesens. Diese Interessen rechtfertigen, behaupte ich, die Überprüfung individueller Selbstbestimmung durch fremde Überwachung nur hinsichtlich solcher Handlungen der einzelnen, die den Interessenkreis anderer schneiden." Dies näherte sich im Ansatz bereits der Philosophie des (amerikanischen) Pragmatismus, der gleichfalls die verallgemeinerte soziale Entfaltung der Individuen, besonders durch Bildung, im Blick hatte. Denn Pragmatismus meinte nicht Theorieferne, sondern Anknüpfen der Theoriebildung an die Vielgestaltigkeit der Lebenspraxis. Folgerichtig enthielt die Schrift von Mill, über die Kapitel zur "Freiheit des Gedankens und der Diskussion", zur Bedeutung der "Individualität" für die "Wohlfahrt" und die "Grenzen der Autorität der Gesellschaft" hinaus, auch praktische "Anwendungen". Diese mündeten in das Fazit, dass Menschen nicht bloß als "gefügige Werkzeuge" behandelt werden dürfen, auch weil "mit kleinen Menschen wahrlich keine großen Dinge vollbracht werden können". Dem kamen in Europa skandinavische Denkströmungen am nächsten. An Kants Grundkategorie der "praktischen Vernunft" ließen sich im auflebenden Neukantianismus des frühen 20. Jahrhunderts auch im deutschen Sprachraum weiterführende Gedanken anschließen.

Vielfältige Teilhabe

Als politisches Manifest einer zweiten Erneuerungsphase kann die 1911 publizierte Schrift Liberalism des Soziologen Leonard Trelawny Hobhouse gelten. Er lieferte als führender Exponent des New Liberalism einer sozialpolitischen Reformära unter liberalen Kabinetten in Großbritannien seit 1906 die Stichworte. Wichtig dabei war seine Unterscheidung von frei disponiblem Gebrauchseigentum und Sozialpflichtigkeit überall dort, wo aus Eigentum auch Macht resultiert, also überzeugte Liberale für Machtkontrolle und Gegenmacht eintreten mussten. Kaum jemals zuvor und danach wurde Liberty so vielgestaltig durchdekliniert wie in dem Werk von Hobhouse. Während zeitbedingt bei Mill noch die Freiheit von ungerechtfertigter Bevormundung im Vordergrund stand, ging es Hobhouse stärker um die Freiheit zu vielgestaltiger Teilhabe. Freiheit hatte ihm zufolge eine "civic", "fiscal", "personal", "social", "economic", "domestic", "local, racial, and national", "international" und "political" Dimension. Letztere war in der Kapitelüberschrift in demokratische Verbindung mit "Popular Sovereignty" gebracht. Seit 1911 wurde solche Volkssouveränität auch unter monarchischer Staatsform in England nun endgültig im House of Commons repräsentiert, nachdem letzte Vetomacht des House of Lords beseitigt war.

Von Hobhouse wurde Mill als Brücken-theoretiker vom klassischen zum modernen Liberalismus gewürdigt. Auf dem 1907 neu geschaffenen Lehrstuhl für Soziologie an der Londoner Universität stand Hobhouse auch für ein neues akademisches Fach. Vom nationalsozialen Neuliberalismus eines Friedrich Naumann in Deutschland unterschied sich Hobhouse politisch vornehmlich durch strikte Gegnerschaft zum Nationalismus und Imperialismus der Vorkriegsära. Der Naumann sozial- und nationalpolitisch ähnlichere Joseph Chamberlain war mit seinen liberalen "Unionisten" (gegen Home Rule für die Iren) zugunsten des britischen Imperialismus an die Seite der Konservativen geraten. Hingegen befürwortete Hobhouse, insoweit wieder ähnlich Naumann, eine "wachsende Zusammenarbeit des politischen Liberalismus und Labour".

Nähe zu Gewerkschaften

Vor Rückkehr an die Universität war Hobhouse als Publizist und zeitweise als Gewerkschaftssekretär tätig. Das muss nicht überraschen, denn Gewerkschaften waren, nach auch in Deutschland zum Beispiel vom Sozialliberalen Lujo Brentano vertretener Auffassung, gewissermaßen kollektiv praktizierter moderner Liberalismus: zwecks Herstellung einer Konkurrenzfähigkeit der Arbeitskräfte gegenüber der Kapitalmacht. Entgegen verbreiteten Annahmen war übrigens auch der Ökonom John Maynard Keynes nie Labour-Politiker oder Reformsozialist, sondern blieb vom New Liberalism seiner Jugendzeit geprägt.

Auch wenn Begriffe allein nicht überschätzt werden sollten, ist doch auffällig, dass eine Konzentration auf die Polarität Liberalismus/Konservatismus ursprünglich explizit vor allem eine britisch-deutsche, im Kern sogar englisch-preußische Angelegenheit gewesen ist. Dort standen Konservative ursprünglich zu Thron, Altar und Grundbesitz und Liberale für Parlamentsrechte, Gewissensfreiheit und Bürgerlichkeit. Das Selbstverständnis der Reichsgründungspartei als Nationalliberale war in der Wortverwendung eher selten: Deutsche Linksliberale nannten sich "Fortschrittspartei", "Freisinnige" und/oder "Volkspartei". Mit dem Bedeutungsgewinn des katholischen Zentrums, als Resultat des Bismarckschen und liberalen Kulturkampfs nach der Reichsgründung von 1871, sowie dem Aufstieg SPD nach dem Sozialistengesetz (1878-1890) war trotz des Mehrheitswahlrechts die preußisch-deutsche Übersichtlichkeit der Parteirichtungen endgültig dahin. Die Naumannsche Strategie des "gesamtliberalen" Bündnisses mit der SPD, bei Zuweisung des Zentrums an die Konservativen, ist zugleich in der Funktion des parlamentarisierenden Zweilagersystems zu verstehen.

Im Übergang zum 20. Jahrhundert hatten sich konstitutionelle Liberale in Belgien und Republikaner in Frankreich gegen eine konservativ-klerikale Rechte auch der Unterstützung von Reformsozialisten bedient. Der Kandidatur von Gewerkschaftern und Labour-Politikern für die britischen Liberalen ("Lib-Labs") zur Ablösung der konservativ-unionistischen Regierung entsprachen in Skandinavien ähnliche Tendenzen der Annäherung - mit dortiger Besonderheit, dass auch im ländlich-agrarischen Milieu starke demokratische Impulse vertreten waren. Für die insoweit ähnlich strukturierte Schweiz bildete nur die bis ins 20. Jahrhundert reichende Hegemonie ihrer Freisinnig-Demokratischen Partei einen Sonderfall. Wenn dortige "Liberale" eher Liberalkonservative waren, entsprach das einer in vielen europäischen Ländern anzutreffenden Terminologie, die sich vom englischen Sprachgebrauch unterschieden hat. Neben antiklerikalen "freisinnigen" und "fortschrittlichen" Impulsen nannten sich österreichische Nationalliberale auch deshalb zum Beispiel "Deutschfreiheitliche", weil neben dem strittigen Gesinnungs-, Verfassungs- und Wirtschaftsliberalismus die Nationalitätenkonflikte zunehmend politischen Raum beanspruchten. Hingegen war im katholischen Süden Europas der zeitweise regierende Liberalismus vornehmlich laizistisch ausgewiesen und blieb, auch wegen der Depolitisierungs-Strategie der mächtigen Amtskirche, noch lange stark elitär geprägt.

Den europäischen Liberalismus schlechthin hat es also kaum jemals gegeben. Das entspricht der liberalen Pragmatik des politischen Denkens wohl auch besser als doktrinäre Bemühungen um einheitliche Gedankengebäude. Zu wirtschafts-, sozial- und nationalpolitischen Fragen waren Liberale kaum auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, auch weil es der inneren Logik parlamentarischer Systeme entsprach, dass Linksliberale mit Sozialdemokraten und Rechtsliberale mit Konservativen mehr Berührungspunkte aufwiesen. Nachdem es als größter Erfolg des historischen Liberalismus gelten darf, dass sich auch demokratische Sozialisten und Konservative zur "Verfassung der Freiheit" bekennen, kann vielleicht noch Gesinnungsliberalismus gegen Konformitätserwartungen als ein Kristallisationskern verbleiben. Insoweit darf auch John Stuart Mills Freiheitslehre des sozialverträglichen Nonkonformismus, von der Zeitgebundenheit damaliger Prioritäten bereinigt, weiterhin als ein Anknüpfungspunkt des modernen Liberalismus gelten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag