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AUFGEKEHRT
Claus Peter Kosfeld
Ein Selfie, bitte!

Im Internet verbreitete Handy-Selbstporträts - "Selfie" genannt und gerne unscharf und unvorteilhaft - sind unter Jugendlichen schon länger ein Hit. Einfach Arm ausstrecken, Faxen machen, drücken, posten: fertig. Aber jetzt wird alles noch viel besser. Während die "Selfies" bei der netzaffinen Gemeinde schon wieder als nervig geshitstormed werden, haben Politiker die neue Form der Selbstvermarktung gerade erst entdeckt. Ist ja auch einfach, kostet nix, macht Spaß und wirkt volksnah. Schnell bei Twitter oder Instagram anmelden und schon lässt sich eine Art Arbeitsnachweis schnell global verbreiten.

CDU-Vize Julia Klöckner hat den neuen politischen Vertriebsweg bereits erkundet. Der neue Kanzleramtsminister Peter Altmaier war am Rande der Koalitionsverhandlungen auch schon als "Selfie" zu sehen, ebenso Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (beide CDU). US-Präsident Barack Obama sorgte unlängst gar für hitzige Debatten, als er bei der Trauerfeier für Nelson Mandela für ein "Selfie" der dänischen Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt posierte, offenbar zum Ärger seiner Frau Michelle.

Ob die "Selfies"-Strategie beim Wahlvolk einschlägt, bleibt abzuwarten. So wirklich fotogen sind die Leute auf den Schnappschüssen meist nicht, aber wo ein Handy ist, ist eben auch ein Weg. Und der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt: Vielleicht bekommen wir mal ein "Selfie" vom Bischof in der Badewanne zu sehen oder eines von der Kanzlerin an der Supermarktkasse, womöglich eines vom Parteichef beim Ankreuzen in der Wahlkabine. Aber Vorsicht: Zu freizügige "Selfies" haben in den USA schon Politikerkarrieren zerstört. So weit sollte es dann ja doch nicht kommen, volksnah hin, Wahlsieg her.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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