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ORTSTERMIN: DER ERSTE WELTKRIEG IN DER SCHULE
Julian Burgert
Alles Nachfolgende beeinflusst

Hätten sich die Jungs freiwillig gemeldet? Hätten sie ihr Notabitur abgelegt und wären, den Erste-Weltkriegs-Schlachtruf "Jeder Schuss ein Russ', jeder Stoß ein Franzos', jeder Tritt ein Britt´" rufend, jubelnd an die Front gefahren? Dass eine solche Stimmung, wie sie am Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 in Deutschland herrschte, auch heute noch möglich wäre, ist für Demian Romelli schwer vorstellbar: "Wir wissen einfach zu viel darüber, wir sind zu aufgeklärt." Seine Klassenkameradin Sophie Rühlich dagegen ist skeptischer: "Es finden sich heute garantiert noch Menschen, die für sowas empfänglich sind."

Demian und Sophie besuchen beide den Politik-Leistungskurs der 12. Klasse des Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Gymnasiums in Berlin. Zusammen mit ihrer Lehrerin und den anderen Schülerinnen und Schülern des Kurses diskutieren sie über die Bedeutung des Ersten Weltkrieges für die heutige Jugend. Schließlich jährt sich der Krieg 2014 zum 100. Mal und vieles hat sich seitdem geändert. Der Ort für die Diskussion passt: Das Schulgebäude wurde 1915 gebaut, kurz nach Kriegsbeginn. Gründerzeitliche Architektur, dicke Steinmauern, breite Treppen und Flure.

Der Erste Weltkrieg ist für die 15 Jugendlichen erst einmal sehr weit weg. "Wir haben einfach nicht mehr einen so großen Bezug dazu, da er so lange her ist", erklärt Demian. Einen weiteren Grund, warum der Krieg so weit entfernt erscheint, nennt Sophie: "Im Alltag werden wir weit mehr mit dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert." Das setze sich auch im Unterricht fort, wie Mitschülerin Rebecca Hevér sagt: "Der Zweite Weltkrieg wird wesentlich ausführlicher im Unterricht besprochen." Vielleicht auch, weil es hier einen individuelleren Zugang gebe. "Der Erste Weltkrieg beruht auf politischer Denke, ist abstrakter. Das ist auch schwerer zu vermitteln."

Im Rahmenlehrplan Berlins wird der Erste Weltkrieg in der neunten Klasse behandelt, erklärt Lehrerin Edda Streichardt. Später werde das Thema noch einmal in der Oberstufe wiederholt. Das ist auch in anderen Bundesländern so, beispielsweise in Rheinland-Pfalz oder in Baden-Württemberg. Die Schüler sollen dabei die Bedingungen der historischen Zeit und ihre Bedeutung für die Gegenwart lernen. "Der Erste Weltkrieg ist ein ganz breites Thema", sagt Streichardt, "ich steige immer beim Steckrübenwinter 1916/1917 ein und gehe dann zurück auf den deutsch-französischen Krieg und das Thema Nationalismus. Damit die Schüler verstehen, dass der Krieg nicht einfach aus dem Nichts heraus kam." Das wissen auch die Jugendlichen, wenn sie sich auch über die Kriegsgründe nicht einig sind. Der Kampf um die Vorherrschaft in Europa, die "Erzfeindschaft" zwischen Deutschland und Frankreich, die Rivalität zwischen Deutschland und Großbritannien auf dem Meer und konkurrierende Herrschaftssysteme werden aufgezählt. Über die Folgen des Krieges jedoch sind sie sich einig. "Er hat alles Nachfolgende beeinflusst", fasst es Hannes Berwin zusammen. Von der Einführung der Republik, der Emanzipation der Frauen, über Entwicklungen in Kunst und Literatur bis hin zu den wirtschaftlichen und politischen Folgen des Versailler Vertrages, die in der Machtergreifung der Nationalsozialisten endeten - für die Schüler alles Folgen des Ersten Weltkriegs. Interessanterweise können sie sich anfangs nicht einigen, welcher der beiden Weltkriege schlimmer war, bis Sophie die Diskussion dazu irritiert beendet: "Die sind beide schrecklich gewesen, man kann doch keine Kriege abwägen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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