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Jörg Biallas
Die Narben Europas

VON JÖRG BIALLAS

Auch 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges lässt sich über die Verantwortung für die Katastrophe noch trefflich debattieren. Hat sich Europa nach einer Verkettung unglücklicher, zumindest aber unkluger politischer Entscheidungen mehr oder minder zufällig in den Krieg hineinmanövriert? Trägt hauptsächlich das wilhelminische Kaiserreich die Verantwortung, weil es seine Vormachtstellung in der Welt um jeden Preis ausbauen wollte? War der Krieg Ausbund des nach 1870/71 nachhaltig gestörten Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich? Hat das deutsche Militär einen bewaffneten Konflikt provoziert, um die eigene Position innerhalb einer sich verändernden Gesellschaft zu stärken?

Die historische Interpretation der Ereignisse hält auch heute noch viele unterschiedliche Antworten auf diese Fragen parat. Abermals wird deutlich: Geschichtsbilder lassen sich nicht immer in Schwarz-Weiß zeichnen. Mitunter sind Grautöne nötig, um der Realität gerecht zu werden (siehe Interview Seite 9).

Bei all dem dürfte eines unstrittig sein: Der Erste Weltkrieg hat bewaffneten Konflikten eine neue Dimension der Grausamkeit gegeben. Technische Entwicklungen, vom Maschinengewehr bis zum Flugzeug, und der mörderische Einsatz von Giftgas waren ein bis dahin nicht vorstellbares Instrumentarium des Tötens (Hintergrund Seite 3).

Die unfassbar hohe Zahl militärischer und ziviler Opfer hat bei den Völkern Europas tiefe Narben hinterlassen. Narben, die den verheerenden Fortgang der Geschichte in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nachhaltig beeinflussen sollten.

Ein Blick in die Runde der Nachbarstaaten zeigt, dass das Gedenken an den Ersten Weltkrieg hierzulande vergleichsweise überschaubar ausgeprägt ist (Seite 2, 12 und 13). Entstünde der Eindruck, die Erinnerungskultur in Deutschland sei zuvorderst auf den Nationalsozialismus gerichtet, wäre das angesichts des Schreckens der NS-Zeit gleichermaßen nachvollziehbar wie historisch eindimensional. Denn nicht nur aus Achtung vor den Opfern ist es geboten, das erste so furchtbare Aufeinanderprallen der Nationen im 20. Jahrhundert ebenfalls zu vergegenwärtigen. Nur wer die Entstehungsgeschichte des Ersten Weltkrieges versteht, wird die Folgezeit richtig einordnen und politisches Geschick von Ungeschick unterscheiden lernen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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