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AUFGEKEHRT
Johanna Metz
Über Reisen in den Har(t)z

Touristen sind in Deutschland gerne gesehen. Sie kommen, um unser tolles Land zu bewundern und lassen die Taschen von Hoteliers und Restaurantbesitzern klingeln. Nun wollen einige Politiker aber eine neue, eher unangenehme Spezies von Touristen ausgemacht haben: die "Sozialtouristen". Sie suchen Erholung nicht etwa an unseren schönen Seen, sondern in unseren noch schöneren Sozialsystemen. Es zieht sie nicht in den Hunsrück, sondern mit Vorliebe gen Har(t)z. Vielleicht müssen Deutschlands Visumsanträge ja künftig um die Frage erweitert werden: "Reisen Sie als Tourist oder Sozialtourist?" Jedenfalls hat die ganze Aufregung um die Sache dazu geführt, dass das Wort "Sozialtourismus" gerade zum Unwort des Jahres 2013 gekürt wurde.

Doch warum Unwort? Den Deutschen ist das Phänomen doch nur zu vertraut! Wie viele reisen Jahr für Jahr aus Berlin oder Bremen nach Bayern, nicht wegen der Alpen, sondern wegen der Arbeit? Sozialtourismus! Wie viele Deutsche kutschen nach Polen, um ihren Wagen und auch sich selbst billigst zu betanken? Sozialtourismus! Wie viele Wessis reisten nach dem Mauerfall an die Mecklenburger Seenplatte, um unbedarften Ossis das Geld aus den Taschen zu ziehen? Na...? Die Ostdeutschen haben es sich zu DDR-Zeiten beim FDGB-Feriendienst gut gehen lassen: Nach einer Nacht im feinen Interhotel Neptun am Strand von Warnemünde konnte der Urlauber Ost einmal der Mangelwirtschaft entfliehen und sich am Büffet mit Südfrüchten vollfuttern. Sozialtourismus à la Sozialismus.

Der Sozialtourismus à la Kapitalismus führt den Erholungssuchenden übrigens oft in Oasen wie die Schweiz. Da gibt es schön hohe Berge. Vor allem aber schön niedrige Steuern.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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