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AUFGEKEHRT
Claus Peter Kosfeld
Alle Wetter

Halihala, der Frühling ist da - auch am Berliner Reichstag unübersehbar. Die Vögel brüten, die Biergärten öffnen. Ach wäre die Vorfreude doch ungetrübt! Leider verhageln uns die weitsichtigen Wetterexperten wie üblich den eitlen Sonnenschein. Der Frühling, heißt es, komme viel zu früh und zu heftig, mal wieder ein verdächtiger Wetterrekord. In Lippstadt (NRW) wurden fast 24 Grad gemessen Anfang März, wo in früheren Jahren noch Schnee das Land bedeckte, wenigstens Frost hartnäckig unter die Klamotten zog. Statt dessen sprießt der Spargel schon, von den Krokussen, Osterglocken und Kastanien mal ganz abgesehen.

Die jüngsten klimatischen Verwerfungen ziehen diesmal aber noch ganz andere Kreise: Denn in Wirklichkeit steht, wie allerorten zu lesen ist, nicht die angenehm warme Jahreszeit bevor, sondern eine neue Eiszeit. Ok, das Problem liegt weit im Osten, wo es eh immer kälter ist, lässt uns hier im Westen aber heftig mitfrösteln. In der Ukraine droht, ja was eigentlich: eine Spaltung des Landes, ein Bürgerkrieg, auf jeden Fall etwas, das langfristig ebenso schwer vorherzusagen ist wie das Wetter.

Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD), als Minister für Wirtschaft und Energie zugleich ein bisschen für die Umwelt zuständig, reiste unlängst nach Moskau, um den "kalten Krieger" Wladimir Putin über die möglichen Folgen einer klimatischen Abkühlung zwischen Ost und West aufzuklären und den Präsidenten politisch etwas anzuwärmen. In der Krisendiplomatie gipfelt das meist in einer Hoffnungsvokabel, die auch was mit dem Klima zu tun hat: Tauwetter. Denn nichts ist so unerfreulich wie ein Kalter Krieg, der ausgerechnet im schönsten Vorfrühling einsetzt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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