Inhalt

Cem Sey
Schachern um Stimmen Afghanistan

AFGHANISTAN Anfang April wird am Hindukusch ein neuer Präsident als Nachfolger Hamid Karzais gewählt

Riesige Wahlplakate mit ernst blickenden Köpfen der Kandidaten säumen die Straßen Kabuls. Nicht nur in der Hauptstadt, sondern in allen Städten Afghanistans läuft der Wahlkampf auf Hochtouren. Am 5. April wählen die Afghanen einen neuen Staatspräsidenten.

Dieser Wahlkampf ist eine Mischung aus alt und neu, aus langen Sitzungen auf Teppichen und Twitter-Campagnen. Die Kandidaten besuchen ganz traditionell Stammesgebiete, um die Stimmen der Clans zu werben. Erstmals gibt es in Afghanistan aber auch Fernsehduelle, in denen die Kandidaten um die urbanen Wähler ringen. Wahlhelfer wollen kurz vor der Wahl sogar Infotische am Straßenrand aufstellen.

Obwohl die Wahl, eine als "historisch" zu bezeichnende Richtungswahl ist, ist die Stimmung der Afghanen gedrückt. Bisher haben sich lediglich etwas mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten registrieren lassen.

Erst letzte Woche saß Abdullah Abdullah, einer der hochgehandelten Kandidaten und ehemaliger Außenminister allein unter freiem Himmel. Obwohl er die mächtige ehemalige Nordallianz vertritt, hatten sich nur zwei Zuschauer zu seiner Kundgebung in Paghman, einer Stadt nördlich von Kabul, eingefunden. Wahlkampf am Hindukusch ist auch eine Sache der Ehre. Abdullahs Wähler, meist Tadschiken, tragen ihm die verlorene Wahl 2009 nach: "Wir haben dich schon letztes Mal gewählt", erinnern sie ihn. "Als man dich offiziell zum Verlierer erklärte, hast du Karsai erst vorgeworfen die Wahl gefälscht zu haben - und dann hast du kampflos das Feld geräumt!" Warum sollen sie denn so einen nochmal wählen?

Ethnische Fragen

Seinen Konkurrenten, den Kandidaten Zalmay Rassoul und Aschraf Ghani Ahmadi, geht es nicht besser. Wahlkampf am Hindusch ist auch ethnische Treue. So bekommt Rassoul, der - so heißt es - vom scheidenden Präsidenten Karzai protegiert werde, vor allen im paschtunischen Osten und Süden immer wieder zu hören, dass er ein schlechter Paschtune sei. Er könne ja gar nicht mehr richtig Paschtunisch sprechen.

Der einstige Weltbank-Mitarbeiter Aschraf Ghani Ahmadzai dagegen wird zwar von vielen als Technokrat gerühmt. Er, so heißt es, werde vom Westen und der Kabuler Elite geschätzt. Beim Wahlvolk aber kommt so einer nicht unbedingt an. Ghani hat sich daher Verstärkung beim usbekischen Kriegsherren General Dostum gesucht. Anderen Kandidaten, darunter die beiden Islamisten Abdulrab Rassoul Sayyaf und Qutbuddin Hilal, fehlt die notwendige breite Unterstützung der Bevölkerung.

Wahlkampf am Hindusch ist auch ein Schachern um Fleisch, bevor das Schaf überhaupt geschlachtet wurde. So musste Ashraf Ghani seinem Mitkämpfer Dostum schon vor der Kandidatur den Posten des Vizepräsidenten versprechen. Und Abdullah musste seinem Mitstreiter, dem nicht weniger zweifelhaften Hazaraführer Hadschi Muhammad Mohaqiq, ebenfalls den zweithöchsten Posten zusichern. Aufgewogen werden solche Tickets in Stimmen der ethnischen Gruppen: Dostum eine Million, Mohaqiq zwei Millionen.

Inhaltlich bieten die Kandidaten wenig Greifbares. Abdullah Abdullah steht für eine Lockerung des Zentralismus. Rassoul und Aschraf Ghani wollen das bisherige System erhalten. Alle versprechen Jobs und eine wachsende Wirtschaft.

Populismus ersetzt oft genug ausgefeilte Programme. Kürzlich tönte Aschraf Ghani, dass die Anerkennung der aus Kabuler Sicht bislang nicht existenten Grenze zu Pakistan, Sache des afghanischen Volkes sei. Ghani, selber Paschtune, und damit Angehöriger des Volkes, das seit Jahrhunderten geteilt auf beiden Seiten der international anerkannten Grenze lebt, muss eigentlich wissen, dass Afghanistan alleine am Grenzverlauf nichts wird ändern können. Doch gleich warteten die afghanischen Medien mit Kartenmaterial eines künftigen Großafghanistan auf, dem eine Hälfte Pakistans zugeschlagen wurde.

Die Wähler bleiben skeptisch. Nach den mit Betrug befleckten Wahlen 2009 und 2010 trauen sie dem demokratischen System nicht ganz. Angesichts der herrschenden Mehrheitsverhältnisse wird sowieso mit einem zweiten Wahlgang voraussichtlich Ende Juni gerechnet. Auch die Sicherheitslage verunsichert sie, denn die Taliban haben angekündigt, die Wahlen stören zu wollen. Trotz zahlreichen Anschläge verwiesen UN-Vertreter darauf, dass im Vergleich zu den vorangegangenen Wahlen die Sicherheitslage stabil sei.

Wahlen am Hindukusch, das ist für jeden Wähler ein Sicherheitsrisiko. Die Wahlbeteiligung könnte daher recht niedrig ausfallen. Im kleinen Kreis spricht auch Kandidat Abdullah von Ängsten vor neuer Gewalt. Seiner Meinung nach gibt es nur zwei Optionen. Entweder er werde gewählt oder zumindest an der Regierung beteiligt. Oder die Menschen, die ihn wählen, würden zur Waffe greifen. Er jedenfalls könne sie nicht zurückhalten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag