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Volker Müller
Gegenseitiges Lob

AUSGEZEICHNET ARD-Dokumentation über den NSU-Untersuchungsausschuss erhält Medienpreis Politik 2013 des Bundestages

Gut eineinhalb Jahre arbeitete der Untersuchungsausschuss des Bundestages, um Licht in das Dunkel der Mordserie der Terrorzelle "Nationalsozia- listischer Untergrund" (NSU) und die Pannen der Ermittlungsbehörden zu bringen. Jetzt hat der Bundestag einen Film über die parlamentarische Aufarbeitung dieser Ermittlungen im NSU-Untersuchungsausschuss mit dem Medienpreis Politik 2013 gewürdigt. Bundestagspräsident Norbert Lammert ehrte die Autoren Matthias Deiß, Jochen Graebert und Robin Lautenbach von der ARD in der vergangenen Woche vor zahlreichen Gästen im Berliner Haus der Kulturen der Welt mit dem mit 5.000 Euro dotierten Preis.

"Staatsversagen. Der NSU-Ausschuss und die schwierige Aufarbeitung" lautet der Titel der TV-Dokumentation, die im August 2013 im ersten Programm gesendet wurde. Die drei ARD-Hauptstadtstudio-Korrespondenten hatten hinter die Kulissen geschaut und gezeigt, wie die Abgeordneten im Ausschuss immer wieder mit plötzlich verschwundenen Akten, Zeugen, die sich nicht erinnern wollten, und unwilligen Verfassungsschutzbehörden kämpfen mussten.

Wie die Abgeordneten, so hatten sich auch die Filmautoren auf die Suche nach Antworten gemacht. Sie fuhren zu den Tatorten, sichteten geheime Akten und standen mit Tülin Özüdogru, der Tochter eines NSU-Mordopfers, am Grab ihres ermordeten Vaters. "Emotional berührend wird die Geschichte aus der Perspektive der Opfer und ihrer Angehörigen erzählt", sagte Thomas Kröter ("Kölner Stadtanzeiger/Mitteldeutsche Zeitung") als Vertreter der siebenköpfigen Medienpreis-Jury.

"Kollektives Entsetzen"

Hauptpersonen sind die "politischen Antipoden" des Untersuchungsausschusses, der ehemalige Polizist und heutige CDU-Abgeordnete Clemens Binninger, sowie Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau als Vertreterin der Linken, die bis vor Kurzem vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. "Pau und Binninger verkörpern das kollektive Entsetzen aller politischen Kräfte im Bundestag", sagte Kröter.

Am Ende des Films bleibe die Frage unbeantwortet: Wie konnte das passieren? Der Film lege nahe, sagte Kröter, dass es eine Ursache gibt, die in den Köpfen der Fahnder steckt. "Welchen Schluss soll der Zuschauer ziehen? Die Autoren vertrauten auf dessen Urteilskraft", sagte Kröter. Norbert Lammert ergänzte, an diesem besonders bedrückenden Beispiel werde gezeigt, wozu man Parlamente braucht und wozu sie in der Lage sind.

Kurz vor Fertigstellung des Films sei aufgefallen, dass die Abgeordneten in einem "außerordentlich guten Licht" dargestellt würden, erinnerte sich Preisträger Robin Lautenbach. Auf der Suche nach "kritischer Distanz" sei man nicht fündig geworden. Es sei der Tatsache des Verbrechens und der Tatsache des Versagens der Ermittlungsbehörden geschuldet, dass die Abgeordneten zusammengearbeitet hätten.

"Das war die Stärke dieses Ausschusses", brachte Lautenbach seinen Respekt vor der Arbeit der Parlamentarier zum Ausdruck: "Unsere Abgeordneten können, wenn es darauf ankommt, eine gute Arbeit leisten." Deshalb hätten sie auf eine kritische Distanz verzichtet, betonte der Fernsehjournalist. "Tülin Özüdogru hat uns ihre Gedanken mitgeteilt, dass man ihr den Vater genommen und ihn als Rauschgifthändler dargestellt habe, der aus dem Milieu heraus ermordet worden sei."

Faktencheck

Nominiert für den Medienpreis Politik waren ferner das Team des "#ZDFcheck", vertreten durch Eckart Gaddum, Imke Pässler-Strauß und Sonja Schünemann, sowie Reinhard Bingener und Timo Frasch von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" für ihr Porträt über den "besten Bundestagsabgeordneten der Welt".

Der "#ZDFcheck" überprüfte Aussagen von Politikern im Bundestagswahlkampf 2013 auf ihren Wahrheitsgehalt. Gecheckt wurden nur Fakten, nicht Meinungen. Dies ließ sich live im Internet (zdfcheck.de) verfolgen. Der ZDF-Faktencheck habe sich von der Konkurrenz dadurch unterschieden, dass er seinen Namen zu Recht trägt, meinte Juror Kröter.

"Liebevolles Porträt"

Die Autoren Reinhard Bingener und Timo Frasch hatten den "besten Abgeordneten der Welt" in seiner niederbayerischen Heimat besucht. Ernst Hinsken, mittlerweile 71, vertrat den Wahlkreis Straubing von 1980 bis 2013 im Bundestag. Bingener und Frasch fahndeten nach den Gründen für den Erfolg des Abgeordneten, der Parlamentarischer Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, Tourismusbeauftragter der Bundesregierung und Vorsitzender des Tourismus- und des Wirtschaftsausschusses war. Entstanden sei "keine ,Niedermach'-Geschichte, sondern ein liebevolles Porträt", urteilte Kröter. Der Leser lerne auf vergnügliche Weise, "wie Politik so funktioniert, auch außerhalb des Wahlkreises".

Der Medienpreis würdigt seit 1993 publizistische Arbeiten, die zu einem tieferen Verständnis der parlamentarischen Arbeit beitragen. Bislang haben 24 Journalisten den Preis erhalten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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