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Jan Rübel
Der Realistische: Charles M. Huber

Ein Klischee erfüllt Charles Huber, es ist vielleicht das einzige: Er redet so frisch und frei, wie man es von einem Fernsehkommissar erwartet. In zig Fällen bei "Der Alte" ermittelte er neun Jahre lang in den Straßen von München, heute sind es Aktenberge, die er in seinem Büro im Jakob-Kaiser-Haus stellt. Oder er sich ihnen? Huber lächelt, sein Blick heftet auf der Reichstagskuppel. "Ich ging in die Politik, um Wirtschaftskooperationen anzukurbeln. Da bin ich richtig hier." Viele Politiker reden bei den obligatorischen Motivfragen von Ethik und Moral, von Verantwortung und Gestaltung. Huber ist direkter. Die Bandwurmsätze jedenfalls hat er noch nicht drauf.

2013 zog der 57-Jährige über die Landesliste in den Bundestag; gegen Ex-Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) konnte der Neuling den Wahlkreis Darmstadt nicht erobern.

Im Entwicklungsausschuss liegt sein Augenmerk auf der Afrika-Politik, auch so ein Terrain, auf der mehr gesprochen als getan wird. Und es überrascht nicht, dass Huber zum verbalen Kantholz greift. "Es ist grob fahrlässig, Debatten über Afrika zu ideologischen Grundsatzdiskussionen verkommen zu lassen", sagt er. Ganz unideologisch ist er nicht, er glaubt an den Markt. "Handel generiert Kapital. Wer produktiv tätig werden will, braucht Kapital", fasst er zusammen, warum er sich für bilaterale Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (EPA) zwischen der EU und afrikanischen Staaten einsetzt, die Freihandelszonen schaffen sollen. "Hinter mir stehen keine Konzerne, sondern die Interessen der Afrikaner." Die EPAs sind umstritten. Kirchen und Entwicklungsorganisationen lehnen sie mit der Furcht ab, dadurch würden EU-Exporte sich entwickelnde Märkte in Afrika überschwemmen und lokale Akteure behindern. Auch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die staatliche Entwicklungszusammenarbeits-Organisation der Bundesrepublik, warnt vor wirtschaftlichen Spaltungen und setzt sich für einen regionalen Ansatz ein. Die immensen Subventionen von Agrarexportgütern in der EU sieht sie kritisch.

Huber ficht das nicht an. "Viel wichtiger ist, dass die Effizienz der afrikanischen Landwirtschaften verbessert wird. Und Binnenhandel fördert man vor allem durch Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur." Die EU-Agrarsubventionen seien das Einzige, das der Opposition einfalle. "Ich will endlich mal hören, was gut ist - was Afrika hilft."

Zumindest kennt er sich aus. "In Afrika werde ich als Afrikaner angesehen. Und in Niederbayern als Niederbayer." Huber kam auf die Welt als Sohn einer deutschen Hausangestellten und eines senegalesischen Diplomaten; seinen Vater lernte er indes erst mit 28 kennen. Huber wuchs in Bayern auf. Seine afrikanische Familie entdeckte er später, es ist keine unbekannte: Sein Großonkel regierte in Senegal als Präsident. In Sachen Afrika sieht sich Huber als Macher. Schon in den Neunzigern arbeitete er als Berater für deutsche Unternehmen, die in Afrika Fuß fassen wollten - und für das äthiopische Tourismusministerium. Mit seinem Verein "Afrika Direkt e.V." hilft er im Senegal Künstlern und Jugendlichen.

Huber füllt einen Raum aus, seine zupackende Art gewinnt bei Leuten, wenn er redet, rudert er mit den Armen. Am linken Handgelenk verbleichen die Spuren eines 44 Jahre alten Tattoos, "ein Mädchenname". Früher war er einmal in der SPD, aber Huber ist konservativ. Ihm fallen dazu Adjektive ein wie "zuverlässig" und "diszipliniert", dass es dauere, bis er etwas verspricht. Das Konservativ-Deutsche in sich entdeckte er, als er mit Ende 20 zur Suche nach seiner afrikanischen Seele aufbrach. "Menschen, welche mehrere Kulturen kennen, vegleichen mehr."

Er steht durchgedrückten Rückens am Fenster, eingerahmt von den Fahnen Deutschlands und der EU. Vor kurzem noch residierte hier Rainer Brüderle, davor Guido Westerwelle. Damals hingen Bilder der Leipziger Schule hier, heute ist es ein Wandbehang aus Kongo - erdbraun statt quietschgelb. Unweit seines Hauses in Senegal sieht er am Strand die leeren Boote jener, die es nach Europa nicht geschafft haben. Oft bittet man ihn in Afrika: Bring mich raus. Er antwortet darauf: Und dann?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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