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Susanne Kailitz
Auf Personalsuche

FACHKRÄFTE Der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern ist nicht flächendeckend, sondern branchenspezifisch

Eigentlich war das deutsch-irische Ehepaar genau das, wonach in Deutschland so händeringend gesucht wurde: Mit dieser Überzeugung verließen die Anästhesistin und der Software-Entwickler ihre bisherige Heimat Neuseeland, um in Berlin sesshaft zu werden. Als Angehörige so genannter Mangelberufe fanden sie schnell einen Job. Und schmissen doch nach zwei Monaten wieder hin: "Als "absolut unterirdisch" hätten sie die Arbeitsbedingungen in Deutschland empfunden, "und sind wieder nach Neuseeland zurückgegangen", erzählt Martin Gaedt. Für sein Buch "Mythos Fachkräftemangel" hat der Berliner Unternehmer mit dem Paar gesprochen und ist sich sicher, dass das Beispiel der beiden kein Einzelfall ist.

Gesundheitsberufe leiden

Gaedt kann die wiederkehrende Klage, in Deutschland herrsche Fachkräftemangel, nicht mehr hören. Tatsächlich beklagen vor allem Unternehmens- und Arbeitgeberverbände gebetsmühlenartig, es gebe nicht genügend gut spezialisiertes Personal, immer mehr Stellen könnten nicht besetzt werden. Der Plan von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) für eine abschlagsfreie Rente mit 63 gilt als große Gefahr. Man verliere damit "die besten Leute", beklagte etwa der Verband "Die Familienunternehmer". Oliver Zander, Hauptgeschäftsführer von Gesamtmetall sagte, er gehe davon aus, "dass die Metallbranche durch die Neuregelung in den nächsten zehn Jahren mindestens 200.000 Fachkräfte frühzeitig verlieren wird, die dringend gebraucht werden".

Doch wie dramatisch ist der überhaupt? Martin Gaedt, Gründer der Online-Plattform Younect, auf der Unternehmen gute Bewerber anderen Firmen weiterempfehlen können, ist davon überzeugt, dass es sich dabei um einen Mythos handelt. "Zu sagen, wir hätten in Deutschland pauschal einen Fachkräftemangel ist genauso so sinnvoll, wie einen Kundenmangel zu beklagen: Nämlich gar nicht." Tatsächlich gebe es nur in einigen Bereichen einen Mangel an Arbeitskräften und auch der sei zu großen Teilen hausgemacht.

Mindestens der erste Teil von Gaedts Analyse deckt sich mit den offiziellen Zahlen. In der "Fachkräfteengpassanalyse" der Bundesagentur für Arbeit (BA) von Dezember 2013 heißt es, aktuell zeige sich "kein flächendeckender Fachkräftemangel in Deutschland", es gebe "jedoch Engpässe in einzelnen technischen Berufsfeldern sowie in Gesundheits- und Pflegeberufen". So hat sich nach den Analysen der BA die Zahl der Tage, die sozialversicherungspflichtige Arbeitsstellen nach dem Abgang von Mitarbeitern unbesetzt bleiben, von 78 im Jahr 2012 auf 84 im Jahr 2013 erhöht. Spitzenreiter sind die Gesundheitsberufe: Hier werden 172 Vakanztage ausgewiesen. Besonders betroffen ist auch die Maschinen- und Fahrzeugtechnik: 141 Tage bleiben freie Stellen hier unbesetzt. 132 Tage dauert es im Schnitt, bis Stellen in der Mechatronik und Elektrotechnik nachbesetzt werden können, auf Gesundheits- und Krankenpfleger warten die Arbeitgeber 111 Tage. Dennoch, so die BA, habe sich die Lage auch in den von Engpässen betroffenen Berufen "etwas entspannt".

Schon in einem Gutachten aus dem Jahr 2010 kam Karl Brenke, Volkswirt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), zu dem Schluss, weder seien die Zahlen, die einen Fachkräftemangel belegen sollten, valide berechnet, noch gäbe es dafür andere Indikatoren wie etwa höhere Löhne. Die seien immer ein Zeichen für knappe Märkte, eine entsprechende Lohnentwicklung sei in Deutschland aber nicht erkennbar. Zudem, unterstreicht Brenkes Kollege am DIW, Johannes Geyer, sei es normal, dass Angebot und Nachfrage an Arbeitskräften "immer etwas auseinanderdriften".

Zufriedenheit entscheidet

Dazu, wie Arbeitgeber und Fachkräfte besser zusammenfinden könnten, hat Martin Gaedt einige Ideen. Grundsätzlich müssten die Unternehmen den Mitarbeitern bessere Angebote machen. Wenn hierzulande etwa im akademischen Bereich schlechte Bezahlung, unattraktive Arbeitszeiten und befristete Verträge dominierten, dann müsse man sich nicht wundern, dass viele Hochqualifizierte ins Ausland abwanderten. "Entscheidend ist immer die Mitarbeiterzufriedenheit", sagt er, "wer da hohe Werte hat, hat auch keinen Fachkräfte-mangel."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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