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Helmut Stoltenberg
Unser Land braucht echte Vorbilder

Die Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. sind in Rom heiliggesprochen worden. Zur Amtszeit Johannes Paul II. ein Gespräch mit Bundestagsvizepräsident Johannes Singhammer (CSU), offizieller Vertreter des Bundestags bei den Feierlichkeiten.

Neben der kirchenrechtlichen Begründung der Kanonisation, die bestimmte Voraussetzungen vorgibt, einen Menschen heilig zu sprechen, gibt es meiner Meinung nach eine weitere Dimension, die Papst Johannes Paul II. zum Heiligen macht. Er war in herausragender, einzigartiger Weise mit seinem Herzen den Menschen zugewandt. Papst Johannes Paul II. hat ein Attentat schwerverletzt überlebt und dem Attentäter verziehen. Auch in hohem Alter und von schweren Krankheiten gezeichnet, hat er die Öffentlichkeit nicht gescheut. Damit hat er seine menschliche Seite betont, seine körperliche Schwäche offenbart und vielen Menschen Mut gemacht. All das und noch viel mehr machen ihn zu einem großen Vorbild. Seine Wirkung gerade auf junge Menschen ist legendär.

Johannes Paul II. war ein Papst mit enormer politischer Wirkung. Er hatte den Mut und die Kraft, während des Kalten Krieges klar Stellung zu beziehen. Er hat die deutsche Einheit vorbereitet. Zur Demokratisierung des ehemaligen Ostblocks, insbesondere seines Heimatlandes Polen, hat er maßgeblich beigetragen. Er hat sich bereits als Kardinal intensiv um die deutsch-polnische Aussöhnung bemüht. Während seines Pontifikats war er ein unermüdlicher Verteidiger des Friedens. Bei einem Besuch des Kardinal-Höffner-Kreises 1995 gab er uns Folgendes mit auf den Weg: "Ihre Verfassungstradition von 1919 und die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg spricht gegen ein Verständnis von religiös-weltanschaulicher Neutralität im Sinne einer negativen Distanzierung des Staates vom Religiösen beziehungsweise von Religionsgemeinschaften", und weiter: "Der Zusammenbruch totalitärer Systeme in Europa erfordert eine gründliche Erneuerung der politischen Handlungsweisen. Ihnen kommt es in Ihrer Stellung zu, mitzuhelfen, dass Europa seine Wurzeln wiederfindet und nach dem Maßstab seiner Ideale und seines Edelmutes seine Zukunft aufbaut." Das spiegelt sein Politik- und Werteverständnis vortrefflich wider.

Nach dem liturgischen Verständnis ist ein Heiliger ein Mensch, zu dem man beten und den man um Fürsprache bei Gott bitten kann. Den Menschen fällt es oft leichter, einen anderen Menschen um Rat oder um Hilfe zu fragen. Sie finden Trost darin, einen Fürsprecher bei Gott zu haben, den sie selbst gekannt haben, den sie verehren und der ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit besitzt. Deswegen ist die Kanonisation kein Anachronismus, sondern Ausdruck lebendigen Glaubens. Johannes Paul II. hat dies selbst in seiner persönlichen Glaubenspraxis praktiziert. Er war ein großer Marienverehrer.

Ich bin mir sicher, dass unser Land mehr denn je echte Vorbilder braucht. Menschen, die uneigennützig und mutig für ethische Werte stehen. Werte, die jenseits materieller Güterwerte stehen. Diese ethischen Werte bilden das Fundament jeder Gesellschaft, auch der säkularen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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