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Alexander Heinrich
Lateiner und Germanen

DEBATTE In der Eurokrise ist ein alter Mentalitätsstreit zwischen Nord und Süd aufgebrochen - hilfreich ist ein Blick nach Osten

Im vergangenen Jahr hat das britische Magazin "The Economist" die Illustration des deutschen Bundesadlers auf das Titelblatt gehoben, der das Gesicht abwehrend hinter der Schwinge verbirgt: Deutschland, so die These, sei ein Hegemon wider Willen. Ökonomisch stehe das Land in Europa an der Spitze. Es hadere aber damit, mehr politische Führung anzunehmen. Kurz zuvor sorgte ein Aufsatz des italienischen Philosophen Giorgio Agamben in der Zeitung "Repubblica" und der französischen Zeitung "Libération" mit einer ganz anderen Zeitdiagnose für Aufmerksamkeit: Das protestantische Deutschland zwinge in der Finanzkrise dem übrigen Europa und insbesondere dem Süden seine Mentalität auf. Es ergebe keinen Sinn zu verlangen, "dass ein Grieche oder ein Italiener wie ein Deutscher lebt". Und selbst wenn das möglich wäre, würde dies zum Verschwinden eines Kulturguts führen, "das vor allem in der Lebensform liegt", argumentierte Agamben. Europa habe seine "reellen Bindungen durch Kultur, Sprache, Lebensweise und Religion" aufgegeben und sich der homogenisierenden Macht der Ökonomie ausgeliefert.

"Empire latin"

Agamben bezieht sich in seinem Aufsatz auf ein Memorandum, das der russisch-französische Philosoph Alexandre Kojève im August 1945 Charles de Gaulle, damals Chef der Provisorischen Regierung Frankreichs, vorlegte und das auf die Schaffung eines "Empire latin" abhob. Das Zeitalter der Nationalstaaten geht aus Kojèves Sicht zwar zu Ende. Es gelte aber einem absehbar politisch und wirtschaftlich wiedererstarkendem Deutschland mit seiner puritanischen anglo-amerikanischen Mentalität ein "lateinisches Reich" entgegenzusetzen, bestehend aus Frankreich, Italien, Spanien und zusammengehalten von einer einheitsstiftenden "lateinischen Mentalität" und Lebenskunst, das "dolce far niente", die Kunst zur Muße.

Agambens Ausführungen sorgte für teils heftigen Widerspruch nicht nur in den deutschen Feuilletons. Sie passten offenbar zu gut zu einer gängigen, die Euro-Krise begleitenden Zeitkritik: Meint mancher Südeuropäer in der EU-Sparpolitik den Angriff eines diffus aufgefassten "deutschen Modells" auf die eigene Lebensart zu sehen, will man nördlich der Alpen nicht "Zahlmeister" eines ebenso diffus aufgefassten mediterranen "Savoir-vivre" sein. Der Ökonom Max A. Höfer machte in einem Aufsatz für den "Spiegel" Agambens Kritik konkret, indem er den Verlust der Siesta beklagte, die die spanische Regierung auf Druck der EU-Troika abgeschafft habe. Höfer mochte darin "protestantische Ethik" am Werk sehen, die gegen südliche Lebensart zu Felde ziehe - und, mehr noch, eine Politik, hinter der ein "deutscher Hegemon" mit vermeintlich "unhinterfragbaren ökonomischen Wahrheiten" für mehr Arbeitsdisziplin sorgen wolle.

Die Historiker Martin Baumeister und Roberto Sala erinnerten in einer Erwiderung an die Geschichte der südlichen Länder, ihre Prägung durch argarische Ökonomien und Militärdiktaturen: "Mit monolithischen Kulturkonstrukten und abgestandener Völkerpsychologie" sei die wirtschaftliche Schieflage in Europa nicht erklärbar. "Im Übrigen glaubt in der Wissenschaft kaum jemand mehr monokausal an die protestantischen Wurzeln des Kapitalismus."

Genau darauf spielte auch der spanische Schriftsteller Javier Cercas an, indem er die naheliegende Frage stellte, wieso zum Beispiel die in ihren Ländern wirtschaftlich erfolgreichen Basken und Lombarden in einem "lateinischen Reich" dann nicht auch beschließen sollten, "dass sie keine Lust haben, wie die Spanier und Italiener zu leben und ihre kulturellen Eigenheiten aufzugeben". Cercas ging aber noch weiter, indem er auf die Gefahr stereotyper Zuschreibungen hinwies: Der Vorschlag einer europäischen Neuordnung entlang der Mentalitäten blende den "Erzfeind" Europas aus: den Nationalismus.

Bemerkenswert ist, dass die Debatte einen großen Bogen um eine anderen Teil Europas machte. Das Beispiel einer ganzen Reihe osteuropäischer Länder, deren EU-Beitritt sich in diesen Tagen übrigens zum zehnten Mal jährt, könnte zumindest aufzeigen, dass das Modell der Strukturreformen Europa nicht zwingend spalten muss. Im Gegenteil: Der - mit vielen Verwerfungen und Härten erkaufte - Reformkurs hat diesen Ländern erst den Weg in die EU eröffnet.

Erfolgsgeschichte

Von einer "paradoxen Wiederbelebung" der "Lateinischen Option" in der Europäischen Schuldenkrise spricht deshalb der Soziologe Wolf Lepenies. In einem Vortrag anlässlich der Eröffnung des Aleksander-Brückner-Zentrums für Polenstudien an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg lenkte er 2012 den Blick auf die politische und wirtschaftliche Erfolgsgeschichte des Nachbarlandes. Der neue Nord-Süd-Konflikt, der an die Stelle der alten Ost-West-Spannungen getreten sei, werde nur an der Oberfläche von der Währungskrise ausgelöst: "Ursache ist vielmehr eine Vertrauenskrise zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten." Statt einen längst überwunden geglaubten Kulturkampf zwischen Nord und Süd aufzuwärmen, gelte es, für die Bereitschaft zur europäischen Zusammenarbeit in "variablen Geometrien" zu werben. Ein Modell hatte Lepenies auch parat: die Zusammenarbeit Frankreichs, Polens und Deutschlands im Rahmen des Weimarer Dreiecks.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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