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Birgit Johannsmeier
Wiedergewonnene Freiheit

LETTLAND Nach dem Beitritt zur Eurozone wächst das Vertrauen in die EU und den Euro

Ob in der Altstadt von Riga oder vor einem Zeitungskiosk: In diesen Tagen sind die Letten ständig in Gespräche vertieft. Was sie so beschäftigt, das sind die Flugzeuge, die das dänische Militär und die Bundeswehr bald ins Baltikum schicken sollen. Vor 23 Jahren erkämpften die Letten ihre Unabhängigkeit von Moskau. Aus Solidarität und Angst protestierten die Menschen in den vergangenen Wochen wiederholt gegen den Vormarsch russischer Truppen in der Ukraine. "Auch wir wurden 1991 von sowjetischen Panzern bedroht und setzten uns auf unseren Barrikaden zur Wehr", sagt eine Passantin. "Aber jetzt fühle ich mich sicher, weil wir in der Europäischen Union und in der Nato sind." Vor Putin müsse man auf der Hut sein, pflichtet ein Mann bei. "Wenn er plötzlich auch das Baltikum zurück haben will, ist es gut, dass wir jetzt von Europa beschützt werden." Eine Russin mischt sich ein: "Was ist nur mit unseren Letten los?" Russland habe die Krim, in Lettland würden es niemals einmarschieren. "Wir Russen leben gut in Lettland, meine Kinder sind Staatsbürger, wir gehören zur Europäischen Union und wollen hier bleiben."

Keine vier Monate ist es her, da war von einer Begeisterung für die EU und die europäische Gemeinschaftswährung in Lettland nur wenig zu spüren. Am 1. Januar ist es als 18. Mitglied der Euro-Zone beigetreten. Noch im Dezember waren die Leute von der Einführung der neuen Währung nicht begeistert. Nur 40 Prozent sahen den Euro positiv. Dabei hatte der kleine Baltenstaat mit knapp zwei Millionen Einwohnern Ehrgeiz bewiesen und mit einem harten Sparkurs die Krise gemeistert, so dass er mit einem Wachstum von gut fünf Prozent weit über dem Durchschnitt der Eurozone gelegen hat. Sogar der Schuldenstand sei mit 41 Prozent deutlich unter den erlaubten 60 Prozent geblieben, sagt Janis Reirs, Leiter der Haushaltskommission im lettischen Parlament. "Bereits seit 2003 war unsere nationale Währung, der Lats, an den Euro gebunden. Es wäre sinnlos gewesen, unseren Lats zu behalten. Wir sind einfach zu eng mit dem Euro und der EU vernetzt."

Symbol der Freiheit

400 Millionen neuer Euro-Münzen sind seit dem 1. Januar in Lettland in Umlauf gegangen. Zwei Wochen lang durften die Leute sowohl mit Lats als auch Euro bezahlen, heute sind die Lats im Bargeldumlauf völlig durch Euro ersetzt. Auf der Ein- und Zwei-Euro-Münze ist das Portrait eines lettischen Bauernmädchens zu sehen, erklärt Martins Gravitis von der Lettischen Zentralbank. Ein Symbol aus den 1920er- und 1930er-Jahren, das während der sowjetischen Besatzung ein Symbol von Lettlands verlorener Unabhängigkeit geblieben war. "Als Symbol der wieder gewonnenen Freiheit wollten wir das Bauermädchen auf dem Euro sehen. Damit setzen wir fort, was für unsere lettische Identität immer wichtig gewesen ist."

Seit die Menschen die neue Währung in den Händen hielten und mit ihr zahlen müssten, hätten sie eine positivere Haltung zum Euro gewonnen, sagt Arnis Kaktins vom Meinungsforschungsinstitut SKDS. Heute stimmen 48 Prozent der Letten dem Euro zu. Eine Rolle spiele die Informationskampagne, mit der der Staat die Öffentlichkeit für den Euro gewinnen will.

Denn noch immer geht in Lettland die Angst vor dem "Teuro" um. Deshalb ist Ivars Jonins Tag für Tag in den Geschäften unterwegs. Er ist einer von zahlreichen Kontrolleuren, die noch bis zum Juni überall im Land durch die Läden ziehen und die doppelte Auszeichnung in Lats und Euro überprüfen. Eine leichte Preissteigerung lasse sich in Lettland allerdings nicht verhindern, sagt Ivars Jonins. Denn was im vergangenen Jahr noch einen Lats gekostet habe, koste jetzt anstatt 1,42 Euro oft 1,50 Euro oder mehr. "In Lettland gibt es einen freien Markt. Jeder Unternehmer bestimmt selbst, welchen Preis er verlangt, das können wir nicht regulieren."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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