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Jutta Sommerbauer
Zwischen Frust und Hoffnung

UKRAINE Der Wunsch nach Stabilität wächst. Doch im Osten ist die Wut auf Kiew groß, viele setzen auf radikale Lösungen

Lemberg ist dicht beflaggt in diesen Tagen. In der Innenstadt, bevölkert von Flaneuren und Straßenmusikanten, hängt an vielen Häusern die ukrainische Fahne, ein blau-gelbes Banner. Die Bewohner der westukrainischen Metropole zeigen, wo ihr Herz schlägt.

Während die Gebiete im Osten in bürgerkriegsähnlichem Zustand versinken, hat sich der Westen stabilisiert. Man müsse nach vorne schauen, heißt es hier. Für die Menschen waren die Präsidentschaftswahlen am Sonntag eine wichtige Gelegenheit, für die Zukunft zu stimmen. Favorit war hier - wie in anderen Landesteilen auch - der Industrielle Petro Poroschenko.

Ein paar Fahrminuten außerhalb des beschaulichen Stadtzentrums liegt der Campus der Ukrainischen Katholischen Universität. Ein heller, moderner Gebäudekomplex mit Mensa, Seminarräumen und einem Studentenheim, eröffnet erst im vergangenen September. In der Westukraine hat die griechisch-katholische Kirche einen hohen sozialen Stellenwert. Den Historiker Jaroslaw Hrytsak kennt man nicht nur hier, in ganz Lemberg ist er bekannt als Kommentator und Publizist. Gerade ist er von einer internationalen Konferenz über die Zukunft der Ukraine in Kiew zurückgekommen, "ein tolles Treffen mit Debatten auf hohem Niveau", schwärmt er. Solange es solche Treffen gebe, sei die Ukraine nicht verloren.

Kandidat der Mitte

Nach den Umbrüchen der vergangenen Monate war die Wahl (nach Redaktionsschluss) eine wichtige Prüfung für die neuen Machthaber in Kiew. Aber nicht jene, die bei den Demonstrationen am Maidan mit den radikalsten Parolen geworben hatten, waren die Favoriten, sondern Poroschenko, ein Kandidat der Mitte, der Mäßigung. Für Hrytsak kein Zufall: "Die Menschen wünschen sich Stabilität und Sicherheit", sagt er, und fügt hinzu: "Die Ukrainer sind für radikale Lösungen nicht zu haben." Das meint er vor allem in Bezug auf radikale Optionen wie der rechtsextremen Partei Swoboda oder gar dem Rechten Sektor, einem Zusammenschluss von neokonservativen bis neonazistischen Gruppen, der sich im Zuge der Proteste gegen Ex-Präsident Viktor Janukowitsch gegründet hat. Diese Gruppierungen seien, da sie sich als harte Opposition zu Janukowitsch positioniert hatten, für viele Bürger zunächst reizvoll gewesen. "Das lief nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund", analysiert Hrytsak. Dieses Schema sei nun nicht mehr aktuell.

Der Historiker ist zudem überzeugt, dass sich bei den ukrainischen Wählern ein Mentalitätswandel abzeichnet: Weg von den starken Persönlichkeiten, hin zu Inhalten. Denn im ganzen Land teile man dieselben Probleme: die Sicherheit der Bürger, Schutz vor dem paternalistischen Staat, und die leidige Korruption, "die wie ein Krebsgeschwür das Land auffrisst".

Ohne Lobby

Noch wirkt es freilich so, als wäre der Ostteil des Landes mit ganz anderen Fragen beschäftigt. 1200 Kilometer östlich von Lemberg drehen sich die Gespräche derzeit um Föderalisierung, Eigenständigkeit, Aufnahme in die Russische Föderation - seit die Separatisten in Donezk das Sagen haben, träumen die Bürger hier von einem anderen Donbass, in dem sie, wie sie meinen, einige ihrer Probleme los wären. In Donezk ist kaum eine ukrainische Fahne zu sehen, dafür wehen auf öffentlichen Gebäuden die schwarz-blau-roten Banner der so genannten Volksrepublik Donezk, deren Führung am 11. Mai ein Referendum über die staatliche Eigenständigkeit der Industrieregion durchgeführt hat. Der Donbass, der für 15 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes aufkommt, fühlt sich vom Zentralstaat ausgenommen. Mit einer Eigenständigkeit verbindet man die Vision, selbst über die Einnahmen zu verfügen, und nicht einen Großteil davon Kiew zu überlassen.

Auch die Taxifahrerin Galina Bakk hat für die Unabhängigkeit des Donbass gestimmt. Die 50-Jährige mit dem gelockten blonden Haar ist keine waschechte Separatistin. Wie so viele hier wollte sie Kiew einen Denkzettel erteilen. "Während dort wochenlang gestreikt wurde, haben wir gearbeitet", sagt sie. Die neue Regierung habe sich nicht für die Belange der Ostukrainer interessiert; mit der geplanten Abänderung des Sprachengesetzes, die Russisch als offizielle Regionalsprache abschaffen sollte, habe man den Bogen überspannt. Der Vorwurf des "Faschismus" ist hier schnell ausgesprochen, die russische Propaganda wirkt. Doch hinter den Worthülsen verbirgt sich oft Frust über die ärmlichen Lebensbedingungen und die Sorge über die Schwerindustrie, die kaum konkurrenzfähig ist.

Natürlich treibt viele Bürger des Ostens auch die Sorge an, in der prowestlich regierten Ukraine keine Lobby mehr zu haben. Die bisher in der Region dominierende Partei der Regionen von Janukowitsch ist in Auflösung begriffen, viele Abgeordnete haben die Seiten gewechselt. Unter den Bürgern setzt sich immer mehr die Überzeugung durch, dass die Mächtigen vor allem für die eigenen Taschen und nicht für das Volk gearbeitet haben. "Verräter", nennen viele heute den Ex-Präsidenten. Der unabhängige Journalist Denis Kasanskij erklärt die Lage so: "Der Donbass hat immer versucht, die Ukraine zu kontrollieren. Das geht nun nicht mehr." Die Separatisten zeichnen einen radikalen Ausweg, den viele als letztmöglichen betrachten.

Suche nach Lösungen

In Lemberg ist Jaroslaw Hrytsak dennoch "beschränkt optimistisch". Die Präsidentenwahl sei ein wichtiger Schritt gewesen, nun müsse man eine Lösung des Konflikts suchen. Dabei hofft er auch auf internationale Hilfe. "Es wird nicht nur davon abhängen, was Russland sagt", meint er und verweist auf die Verantwortung des Westens: "Wichtig ist auch, wie sich EU und USA positionieren. Glücklicherweise sind wir nicht nur von Russland abhängig."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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