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Cem Sey
Diplomat oder Technokrat

AFGHANISTAN Stichwahl zwischen Abdullah und Ghani

Die Meinungen zur Runde der afghanischen Präsidentschaftswahl Anfang April gehen weit auseinander: "Eigentlich haben wir die Wahlen in der ersten Runde schon gewonnen", sagt Mahmoud Saikal, ein wichtiger Wahlhelfer des Präsidentschaftskandidaten und ehemaligen Außenminister Abdullah Abdullah. Das Team des Zweitplatzierten Aschraf Ghani glaubt seinerseits, dass es Abdullahs Leute sind, die in Wahrheit die Strippen ziehen. "Wir wissen, dass wir über die Hälfte der Stimmen bekommen haben", sagt Aschraf Ghanis Pressesprecherin Arzita Refat.

Beide irren, sagt unterdessen die Unabhängige Wahlkommission (IEC). Nach deren offiziellem Ergebnis hat Abdullah 45 Prozent und Aschraf Ghani 33 Prozent der Stimmen erhalten. Beide qualifizieren sich damit für die Stichwahl am 14. Juni. Nun steigt die Spannung im kriegsmüden Land erneut. Obwohl die Verantwortlichen in Kabul Selbstbewusstsein demonstrieren und erklären, "sie seien bereit, die zweite Wahlrunde zu sichern und erfolgreich durchzuführen", fürchtet die Bevölkerung, dass die Taliban nach der hohen Wahlbeteiligung der ersten Runde diesmal mit Anschlägen antworten könnten. Eine Einigung der beiden Kandidaten, die eine Stichwahl überflüssig machen würde, scheint unterdessen so gut wie ausgeschlossen: Kaum jemand in Kabul kann sich vorstellen, dass beide auch nur einen Tag miteinander auskommen könnten.

Abdullah gilt als Favorit der zweiten Runde. Obwohl er als Vertreter der Tadschiken angesehen wird, gelang es ihm, beim ersten Wahlgang auch Paschtunen und Angehörige anderer ethnischen Gruppen für sich einzunehmen. Die Hazaras stimmten für ihn, ebenso zahlreiche Angehörige der usbekischen Minderheit. Erst jüngst schloss sich der Paschtune Zalmay Rassoul, der im ersten Wahlgang lediglich elf Prozent erhielt, Abdullah an. Aber auch Aschraf Ghani hat noch Hoffnungen. Der ehemalige Finanzminister und Weltbank-Mitarbeiter gilt als fähiger Technokrat, vor allem urbane, junge Afghanen möchten ihn zukünftig als Präsidenten sehen. Nun erhielt er Rückendeckung von Ahmad Zia Massoud, dem Bruder des legendären tadschikischen Warlords, Ahmad Schah Massoud.

Viele meinen, es sei fast gleichgültig, welcher der beiden Kandidaten gewinnt. Der Aufbau einer stabilen, das Überleben sichernden Wirtschaft am Hindukusch ist die zentrale Herausforderung für jeden neuen Präsidenten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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