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Susanne Kailitz
Im eigenen Tempo leben

Erwerbsminderung Hilfe erst nach einem Gerichtsurteil

Hinter Nicole Bayer* liegt ein langer Kampf: 1988, mit gerade mal 16 Jahren, erlitt sie eine schwere Hirnblutung. Drei Monate lang lag sie im Koma - und als sie wieder wach wurde, war nichts mehr wie zuvor. Die Dortmunderin muss seither am Rollator gehen, hat Seh- und Gleichgewichtsstörungen und kann nur schleppend sprechen.

Doch sie gab nicht auf. Drei Jahre lang kämpfte sie darum, ins Leben zurückzufinden. Es gelang: 1992 konnte sie eine Ausbildung zur Fachangestellten für Arbeitsförderung machen und arbeitete nach deren Abschluss in der Sozialbetreuung einer Reha-Klinik. "Das habe ich in Vollzeit gemacht, etwas anderes stand gar nicht zur Debatte", erzählt sie. Doch mit der Zeit fiel ihr der Job immer schwerer. "Heute gibt es ja fast keinen Arbeitsplatz mehr ohne Computer. Ich sehe aber Doppelbilder, da geht das eigentlich nicht." Nicole Bayer reduzierte ihre Stundenzahl. Auch im Alltag ging alles immer langsamer. "Sie müssen sich das so vorstellen: Wenn ich mit einer Freundin Kartoffeln schäle, schafft die in der Zeit, die ich für eine brauche, locker sieben."

Bis es im Frühjahr 2013 einfach nicht mehr ging. Aus der Reha wurde sie mit der Diagnose "unter drei Stunden täglich arbeitsfähig" entlassen, außerdem ist sie 100 Prozent schwerbehindert, mit den Kennzeichen "außergewöhnlich gehbehindert" und "hilflos". "Und trotzdem ist mein Antrag auf Erwerbsminderungsrente erstmal abgelehnt worden", sagt sie. "Ich dachte, die müssen doch spinnen." Hilfe bekam Bayer vom Sozialverband Deutschland. "Die haben meine Unterlagen nur kurz angeschaut und sich genauso gefragt wie ich, wie ich denn bitte arbeiten soll."

Ein Gericht bewertete ihren Fall wie der Verband und Nicole Bayer - und gab ihr Recht. Seit Mai 2013 bekommt sie nun eine Erwerbsminderungsrente von 748 Euro, dazu kommen noch rund 150 Euro Betriebsrente. Viel Geld ist das nicht; Bayer hat deshalb einen Antrag auf Wohngeld gestellt, über den noch entschieden werden muss. Zufrieden ist sie dennoch: "Klar kann ich mit dem Geld keine allzu großen Ansprüche haben. Aber mit der Erwerbsminderungsrente habe ich Freiheit gewonnen; das ist mein Luxus. Ich kann jetzt einfach alles machen: in meinem Tempo."

(* Name von der Redaktion geändert)

Aus Politik und Zeitgeschichte

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