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Susanne Kailitz
Bitterer Beigeschmack

RENTE MIT 63 Die Facharbeiterin geht - aber nicht freiwillig

Wenn es um die Rente mit 63 geht, ist stets auch von der drohenden Flucht der Facharbeiter aus den Betrieben und damit vom Fachkräftemangel die Rede. Hannelore Hatke hat da so ihre Zweifel: Die jetzt 62-Jährige wird in diesem Herbst nach ihrem Geburtstag in Rente gehen. Abschlagsfrei - aber nicht ganz freiwillig.

"Die wollen mich einfach nicht mehr haben", sagt sie, "weil ich in den vergangenen Jahren doch öfter mal krank war. Naja, und irgendwann habe ich dann unterschrieben." Seit 1968 arbeitet Hatke als Prüferin in einer Drahtfabrik in Niedersachsen. Seit fast 45 Jahren sitzt sie in einem Prüfraum mit vielen Geräten und kontrolliert Drahtproben. "Das habe ich 18 Jahre lang in drei Schichten gemacht: früh, spät und nachts. Dann wurde umgestellt, sodass wir nur noch in Früh- und Spätschicht gearbeitet haben. Ich habe immer sechs Tage gearbeitet und hatte drei Tage frei."

Die Arbeit habe ihr immer Spaß gemacht. Doch als sie vor drei Jahren an der Schilddrüse erkrankt sei, eine Kur gebraucht habe und immer wieder ausgefallen sei, da sei ihr Arbeitgeber zunehmend unduldsamer geworden. "Schon 2005 haben sie versucht, viele ältere Beschäftigte loszuwerden, auch ich habe die Kündigung bekommen. Die mussten sie dann aber wieder zurückziehen." Doch Anfang des Jahres sei dann wieder ein Anruf gekommen. "Ich musste dann in die Firma und man hat mir gesagt, ich solle doch unterschreiben, dass im Oktober Schluss ist. Und solange bin ich jetzt freigestellt."

Wie viel Rente sie genau bekommen wird, weiß Hatke noch nicht. Sie hofft, dass es die 1.560 Euro sein werden, die ihr mit 65 zugestanden hätten - bis sie den Bescheid habe, traue sie dem, was über das neue Rentenpaket geschrieben werde, noch nicht so recht. Auch für die zwei Kinder, 1971 und 1976 geboren, wird dann Geld aus der Mütterrente dazukommen: "Das ist natürlich eine gute Sache. So gesehen kommt diese Reform für mich genau zum richtigen Zeitpunkt." Aus gesundheitlichen Aspekten heraus hätte sie zwar nur ungern weiter Vollzeit und in Schichten gearbeitet. Aber dennoch: "Für mich bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Ich hätte gern noch weitergemacht. Und die Art und Weise, wie es nun nach all den Jahren endet, enttäuscht mich doch sehr", resümiert Hatke.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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