Inhalt

AUFGEKEHRT
Claus Peter Kosfeld
Der Ball im Feld der Politik

Der spanische König dankt ab, Apple bringt wieder keine Kultuhr heraus, Herzogin Kate zeigt sich unten ohne und den Kindern droht im Hort der Burnout: Na gut, es gibt ernste Probleme auf der Erde, aber auch einen Streifen Hoffnung. Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien naht und bietet uns allen wie auch der großen Politik endlich wieder das lang ersehnte Volkstheater.

Ok, wir werden nachts schlecht schlafen, weil die Flachbildfernseher zu laut aufgedreht sind und Enthusiasten nach gewonnenem Spiel ihrer Mannschaft im Kabriokorso hupend durch die Innenstadt kurven. Wir müssen mit vollverkleideten Fans klarkommen, die im Siegestaumel alle und alles umarmen oder in Tränen baden nach dem kunstrasentechnischen Weltuntergang. Für Abgeordnete, Minister, Könige, Kanzler und Präsidenten bietet die Zeit der Emotionen dafür einen seltenen Zugang zum Volk. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wird sicher wieder auf der Tribüne sitzen, mit Brille, die Hände im Eifer erhoben, das abgehörte Handy in Reichweite, die Botschaft: Ich bin Euch ganz nah. Kein Zweifel, der Ball liegt jetzt im Feld der Politik.

Die Volksseele vor dem Fernseher vereint und die Volksvertreter mittendrin, jubelnd, leidend, schreiend - volle Kanne Kumpel. Wie schön ist das Leben als Politiker, wenn sich mal alle zumindest in einem einig sind: Der Titel muss her! Für die nächsten vier Wochen wollen wir die Rente mit 63 und die Haushaltsprobleme, den Zoff in Brüssel und den vielfältigen Ärger mit den Briten und Amerikanern beiseite lassen. In WM-Zeiten brechen die deutschen Tugenden krass hervor: Tunnelblick, Tatendrang und Tränen: am Schluss - vor Rührung, Verzweiflung, wer weiß.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag