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Johanna Metz
Bloß weg. Egal, was es kostet

ROMAN "Iman" erzählt, was Menschen dazu bewegen kann, übers Meer nach Europa zu fliehen

Toumani und Alissa sind gerade sechs Jahre alt, als ihre Eltern sie irgendwo in Afrika für ein paar Euro an Kinderhändler verkaufen. Alissa dient einer weißen Familie, bis sie flieht, weil sie nicht länger Sklavin sein will. Toumani wird von seinem Herrn beinahe zu Tode geprügelt. Den sterbenden Jungen schmeißt er in einen Kanalschacht, überlässt ihn den Ratten. Er verliert ein Bein, aber überlebt, weil Iman ihn gerade noch rechtzeitig findet.

Die Straßenkinder Iman, Toumani und Alissa sind die Protagonisten in Ryad Assani-Razakis preisgekrönten Debütroman "Iman". Der Autor, der 1981 in Benin geboren ist und seit 2004 in Kanada lebt, erzählt darin auf drastische Weise vom alltäglichen Kampf ums Überleben in einem afrikanischen Land ohne Namen. Von einer Kindheit inmitten von Armut und Gewalt, von einer Gesellschaft, in der noch immer archaische Gesetze herrschen, in der die Hautfarbe über Freiheit oder Abhängigkeit entscheidet. Über diesem Leben kreist die entscheidende Frage: Bleiben oder Gehen?

Entgegen allen Warnungen

Iman, Toumani und Alissa verbindet eine tiefe Freundschaft und die Sehnsucht nach Liebe und Selbstbestimmung. Doch als Iman sich fürs Gehen entscheidet, droht das Band zwischen ihnen zu zerreißen. So bald wie möglich will er mit einem Boot über das Mittelmeer fliehen, in die Heimat seines Vaters, den er nie kennengelernt hat. Europa, das glaubt Iman fest, muss das Paradies sein, wenn sein Erzeuger ihn und seine Mutter dafür einfach aufgegeben hat. Der Onkel einer Freundin war schon mal dort, berichtet ihm von einer Zeit, in der er nicht mehr gewusst habe, "was es heißt, ein Mensch zu sein". Der Sehnsuchtsort entpuppte sich als noch schlimmere Hölle, der Flüchtling kehrte zurück. Doch Iman schüttelt alle Warnungen, alle Bedenken ab. Ihm ist "egal, was es kostet", wie riskant sein Vorhaben ist. Er will lieber in Europa "krepieren", als weiter in Afrika leben.

Toumani fühlt sich von Iman unter Druck gesetzt, selbst eine Entscheidung über seine Zukunft treffen zu müssen: Will er wirklich in dieser Hölle leben bleiben, allein in seiner Hütte im Slum? Sollte er nicht auch etwas ändern? Er kann es nicht. Schmerzlich begreift er: Für ihn, den Krüppel und Analphabeten, lautet die Frage nicht: "Was willst Du?", sondern: "Was kannst Du Dir leisten zu wollen?" Es ist diese Erkenntnis und die Verbitterung über ein Leben, das kein Glück verspricht, niemals, die sich in Assani-Razakis Roman dramatisch Bahn bricht.

Der Autor zeichnet in seinem Buch ein äußerst düsteres Bild von Afrika. An vielen Stellen fragt man sich: Gibt es auf diesem Kontinent wirklich so wenig Hoffnung, so wenig Gnade? Auf einer Lesereise sagte Assani-Razaki dazu: "In vielen Ländern gibt es bis heute Kindersklaven. Wenn du ihnen Dein Ohr leihst, erzählen die Leute genau solche harten Sachen. Mein Buch ist da noch gemäßigt. Ich rede über die Dinge, so wie sie wirklich sind. Nicht ist übertrieben."

Symbol für Tausende

"Iman" bedeutet im Arabischen "Glaube". Seine Figur ist im Roman Sinnbild für den Glauben an eine bessere Zukunft und Symbol für die Tausenden, die sich Jahr für Jahr auf den gefährlichen Weg nach Europa machen. Assani-Razaki gibt den Gestrandeten in Lampedusa und anderswo ein Gesicht, erzählt eine der vielen erschütternden Geschichten, die Menschen dazu bringen, alles hinter sich zu lassen. Ein starkes Buch, das lange im Kopf bleibt. Unbedingt lesen.

Ryad Assani-Razaki:

Iman. Roman Wagenbach Verlag, Berlin 2014; 320 S., 22,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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