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Alexander Heinrich
Nicht Wahrheit, nicht Lüge

ESSAY Helmut Lethen hinterfragt "Bilder und ihre Wirklichkeit"

Eine hochsommerliche Flusslandschaft, eine Frau watet zum Ufer. "Eine bukolische Situation, ein Malersujet", schreibt Helmut Lethen in seinem Essay "Der Schatten des Fotografen", der einer gar nicht mal neuen, aber sehr aktuellen Frage nachgeht: Wie viel Wirklichkeit steckt in den Bildern, wie sehr dürfen wir ihrer dokumentarische Beweiskraft trauen? Im Falle der Sommeridylle, die auch auf dem Titel abgebildet ist, hilft der bloße Augenschein nicht weiter. Mit einem Blick auf die Rückseite des Fotos kippt die Idylle um in Finsternis: "Die Minenprobe. Vom Donez zum Don 1942" hat ein Landser dort vermerkt, deutsche Soldaten hatten die Frau als menschliches Minensuchgerät missbraucht.

Lethens Essay, im Frühjahr mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, ist ein anregender, medientheoretisch bewanderter Rundgang in der Galerie fotografischer Ikonen des 20. Jahrhunderts. Robert Capas Bild der Landung der Alliierten in der Normandie 1944 etwa ist nicht deshalb falsch belichtet, weil es der Fotograf unter der Todesangst aufgenommen hätte. Dorothea Langes Bild einer Wanderarbeiterin von 1936, eine "Madonna" der Großen Depression und des "New Deals", entpuppt sich als kalkulierte Inszenierung. Oder Eddie Adams Aufnahme von der Erschießung eines Vietcong auf offener Straße durch den Polizeichef in Saigon, das 1968 eine halbe Generation - darunter Lethen selbst - in Rage brachte: Der Polizist ist umringt von Fotografen, die nur darauf warten, dass er abdrückt.

Lethen insistiert darauf, dass Bilder ihre eigene Wirklichkeit haben und als belastbare Zeugen nur in ihrem Kontext taugen. Der Verdacht, dass die Dinge nicht sind wie sie sind, führt bei ihm nicht dazu, wie so viele Kulturwissenschaftler den Begriff Wirklichkeit nur noch in Anführungszeichen zu setzen - sein Essay begibt sich auf die Suche nach "Einbruchstellen des Realen". Wie es Lethen dabei gelingt, scharfsinnige Bildanalysen mit Alltagsbeobachtungen, Kindheitserinnerungen und Exkursen in die Bild- und Medientheorien von Siegfried Kracauer bis Roland Barthes zu verweben, das ist zwar nicht die vom Verlag angepriesene umfassende "Schule des Sehens". Aber unbedingt lesenswert.

Helmut Lethen:

Der Schatten

des Fotografen. Bilder und ihre Wirklichkeit

Rowohlt Berlin 265 S., 19,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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