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Hans Krump
Der Großdenker

BIOGRAFIE Dirk Kaesler hat das faszinierende Leben des vor 150 Jahren geborenen Max Weber breit durchleuchtet

An Superlativen über Max Weber hat es nie gemangelt. Der Philosoph Karl Jaspers titulierte den ihm vertrauten Denker 1932 als "größten Deutschen unseres Zeitalters" und "Galilei der Geisteswissenschaften". Zweifellos gilt der Nationalökonom und Mitbegründer der Soziologie, der am 21. April 1864 vor 150 Jahren in Erfurt geboren wurde, bis heute als einer der wirkungsmächtigsten Geistesgrößen Deutschlands. Der Mann großbürgerlicher Herkunft wurde zum Sezierer des verglimmenden Bürgertums an der Wende zum 20. Jahrhundert und der sich entwickelnden modernen Industriegesellschaft. Seine Thesen zum Kapitalismus als "stählernem Gehäuse der Hörigkeit", die Worte über Politik als "Bohren harter Bretter", seine Gegenüberstellung von "Verantwortungs- und Gesinnungsethik" oder sein Wort von der "Entzauberung der Welt" durch den Rationalismus finden sich auch heute in vielen Vorträgen.

Es gab Zeiten, da hatte Weber seinen Platz im Kanon der großen deutschen Denker verloren. Nach 1945 unter dem Einfluss einer westdeutschen Soziologie, die sich im Zuge der "Reeducation" auf US-Wissenschaftler bezog und verschärft im Zuge der 1968er Revolte, als der Großbürgerliche bei linksorientierten Soziologen als reaktionärer Karl-Marx-Antipode galt. Mit seiner These über "charismatische Politiker" mutierte er gar zum ideologischen Vorbereiter faschistischen Führerkults. Solche Verrenkungen sind heute vorbei.

Aus Anlass des runden Geburtstags Max Webers, der 1920 in München mit nur 56 starb, sind in Deutschland zwei neue Biografien erschienen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht das 1000-Seiten-Werk des emeritierten Marburger Soziologen Dirk Kaesler, der sich seit Jahrzehnten mit Max Weber beschäftigt. Zu erwähnen ist auch die nur halb so große Biografie des Feuilletonredakteurs der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Jürgen Kaube ("Max Weber. Ein Leben zwischen den Epochen." Rowohlt, 496 S., 26,93 Euro). Beide Werke müssen sich messen mit der Biografie des Historikers Joachim Radkau von 2005, der sich mit der erotischen Welt Max Webers beschäftigte und dessen Leben als Selbstbefreiung von Zwängen interpretiert hatte. Sein Werk ist jetzt überarbeitet wiederaufgelegt worden ("Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens." dtv, 927 S., 19,90 Euro).

Familiengeschichte Kaesler taucht tief in die Familiengeschichte der Webers und die Welt deutscher Städte und Bürger der Kaiserzeit ein, um das Leben des Universalgelehrten zu erklären. Alle Details bei Max Weber und seiner Familie werden aber im Übermaß serviert, so dass der Leser erst nach über einem Drittel des Buches bei Webers erster Professur mit 29 Jahren angelangt ist. Bis dahin beschreibt der Autor eine bürgerliche Großfamilie mit einem nationalliberalen Vater, einer reichen Mutter und einem hochbegabten, lesewütigen Sohn, der in der akademischen Welt schnell hochsteigt. Er heiratet die wohlhabende Marianne Schnitger, mit der er eine "Kameradenehe" lebt. Ein Glücksfall für Max Weber, denn diese Frau kann (mit seiner Mutter) Webers Leben finanzieren, als er wegen einer Nervenkrise seine Lehrtätigkeit an der Universität Heidelberg 1898 aufgeben musste.

Wie im Untertitel beschrieben, fokussiert sich der Autor bei Weber auf die Aspekte Preuße, Denker, Muttersohn bei Max Weber.

Der Preuße: Das war der im preußischen Erfurt geborene Weber nur eingeschränkt. Gewiss stand er dem nach 1871 aufstrebenden deutschen Macht- und Nationalstaat unter Preußens Führung positiv gegenüber. Aber er hatte auch eine Hassliebe zu Bismarck und nur Verachtung für Kaiser Wilhelm II. übrig. Und er führte sein Leben in Freiburg und Heidelberg im liberalen Baden, dann in Wien und München, aber nicht in Preußen.

Der Denker: Da gehört er gewiss zu den Großen. Seine These, wonach die protestantische Askese-Ethik Erfolg in der Wirtschaft bringe, machte ihn weltberühmt. Kaesler hält diese These für längst widerlegt. Mit journalistischen Beiträgen vor allem am Ende der Kaiserreichs zur demokratischen Neuordnung Deutschlands hat Weber bis zuletzt wichtige geistige Impulse gegeben.

Der Muttersohn: Kaesler hält von den prägenden Frauen Webers Mutter Helene für die bedeutendste. Sie ist sein Halt im Leben und mit ihrem Erbe finanziert sie wesentlich Webers Existenz als Privatgelehrter nach seiner Erkrankung. Seine Ehefrau Marianne befestigt den Ruhm Webers nach dessen Tod als Herausgeberin seiner vielen fragmentarischen Schriften. Mit Webers Geliebten, Mina Tobler und Else Jaffé, bilden die drei Frauen nach seinem Tod eine Art "Verehrungsgemeinschaft".

Die Lektüre der Monumentalbiografie erfordert viel Disziplin. Man muss sich durch überlange Briefe mit oft wenig Aussagekraft durchwühlen. Irritierend wirken manche zeitgeistgeprägte Wertungen über "Nationalismus" und "Rassismus" bei Weber, wie auch die hingeschnodderte Bemerkung, das deutsche Kaiserreich habe den Ersten Weltkrieg "angezettelt". Trotz aller Materialfülle und mancher Unwucht von Nebensächlich- und Wichtigkeiten hat Kaesler aber eine sehr informative Biografie über Max Weber geschrieben.

Am Ende des Ersten Weltkriegs versucht sich Weber als Politiker - als Mitgründer der liberalen Deutschen Demokratischen Partei, als Sachverständiger bei den Versailler Verhandlungen, als Zeitungspublizist. Vergebens. Kaesler: "Im Scheitern an der Entwicklung einer Einheit seiner Person lag die selbst empfundene Tragik des seit Jahrzehnte kranken und zugleich so streitbaren Mannes."

Was kann uns Max Weber heute noch sagen? Da ist Zurückhaltung angesagt, denn all sein Wirken war auf die Erklärung einer Welt vor über 100 Jahren ausgerichtet. Gleichwohl ragt ein solcher Universaldenker immer in die Gegenwart hinein. Scharfsichtig hat er die Konflikte seiner Zeit wie zwischen beharrenden politischen Ordnungen und sich entfesselndem Kapitalismus erklärt. Die Forschung hat aber stets auf die Widersprüche und Unerklärlichkeiten Webers verwiesen. So resümiert auch Kaesler: "Wir verabschieden uns von der Vorstellung, es gebe eine sichere Wahrheit über ihn und sein Leben."

Dirk Kaesler:

Max Weber - Preuße, Denker, Muttersohn. Eine Biographie

C.H. Beck Verlag, München 2014; 1.007 S., 38 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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