Inhalt

Claudia Heine
Und plötzlich ist man ein Spion

ALLTAG IM KRIEG Wie Briten und Deutsche die Last des Ersten Weltkrieges tragen

Richard van Emden ist nicht nur ein bekannter britischer Historiker, Journalist und Experte für den Ersten Weltkrieg. Er ist auch der Enkel einer Deutschen, die in den 1930er-Jahren nach Großbritannien zog und dort bis zu ihrem Tod blieb. Für das neueste Werk des Autors ist diese biografische Komponente nicht unbedeutend, auch wenn er sie am Ende lediglich mit einem Foto der besagten Großmutter würdigt und ansonsten nicht weiter darauf eingeht.

In "Mit dem Feind leben. Alltag im Ersten Weltkrieg" geht van Emden der Frage nach, welche Auswirkungen dieser erste große Krieg des 20. Jahrhunderts auf den Einzelnen hatte, auf das Zusammenleben von Freund und Feind im Alltag, hinter und abseits der Front. Was geschah zum Beispiel mit Engländerinnen, die mit einem Deutschen verheiratet waren, oder mit Deutschen, die zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs 1914 schon Jahrzehnte in Großbritannien gelebt haben? Was passierte mit Menschen, die ganz harmlos als Touristen unterwegs waren und sich plötzlich im feindlich gewordenen Ausland wiederfanden?

Dabei geht es Emden nicht darum, das Kriegsgeschehen in die zweite Reihe zu verbannen. Natürlich begibt er sich auch in die berüchtigten Schützengräben auf beiden Seiten der Frontlinie, schildert nicht nur den berühmten "Weihnachtsfrieden" von 1914, sondern auch die weniger bekannte, Weihnachtsruhe ein Jahr später. Trotz solcher Gesten wird klar, dass es nichts zu beschönigen gibt und dass die Beziehung zwischen Deutschen und Briten auch von Hass, Mord und Vergeltung geprägt waren. Van Emden gelingt es, die richtige Balance zu finden und ganz in der Tradition britischer Wissenschaftler ein stilistisch brillantes Werk zu komponieren, Geschichte in Form von Geschichten lebendig werden zu lassen.

Deutscher aus Versehen

"Krieg bedeutet immer Widersprüchlichkeit, Irrsinn, Chaos. Er macht das Außergewöhnliche zur Norm und liefert die Bühne für die unwahrscheinlichsten Szenarien", schreibt van Emden. Die Geschichte eines britischen Dozenten an der Münchner Universität ist nur eine der grotesken Episoden, die van Emden in Archiven ausgegraben hat. Dieser Dozent nämlich wurde, lange vor Kriegsbeginn, in den bayerischen Staatsdienst übernommen und glaubte irrtümlicherweise, dass dies auf seine britische Staatsbürgerschaft keinen Einfluss besitze. Er hätte jedoch beim britischen Konsulat die Beibehaltung seiner Nationalität beantragen müssen. So erlosch diese. "Offenbar bin ich seit 1912 kein britischer Staatsbürger mehr", notiert er drei Jahre später trocken. Überhaupt nahm er die Sache offenbar nicht so tragisch und so war es für ihn Bürgerpflicht, nun auf deutscher Seite in den Krieg zu ziehen - während ihm sein Bruder als Brite auf der anderen Frontseite gegenüberstand.

Van Emden berichtet aber auch von der schwierigen Situation von mit Deutschen verheirateten Engländerinnen, die mit der Heirat automatisch ihre britische Staatsbürgerschaft verloren und 1914 plötzlich als Ehefrauen feindlicher Ausländer im Gefängnis landeten. Auch konnte es sein, dass gebürtige Deutsche mit britischem Pass und Wohnsitz in Deutschland sich unversehens unter Spionageverdacht im Internierungslager wiederfanden. Van Emden geht es vor allem um solche "Erlebnisse jener, die die Last des Krieges mit all seiner grausamen Ungerechtigkeit zu tragen hatten". Das lässt den Krieg nicht in einem neuen, aber doch anderen Licht erscheinen.

Richard van Emden:

Mit dem Feind leben. Alltag im Ersten Weltkrieg.

Hoffmann u. Campe, Hamburg 2014; 432 S., 22,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag