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Claus Peter Kosfeld
Das Frieren in den Köpfen

GESCHICHTE Aufzeichnungen über den Umbruch in Osteuropa

Von Neugier getrieben, den Osten Europas zu erkunden, ist die Amerikanerin Marci Shore zu langen Reisen aufgebrochen und hat Erlebnisse mitgebracht, die mehr sind als die Grundlage für ihre Geschichtswissenschaft. In ihren Aufzeichnungen mit dem Titel "Der Geschmack von Asche" kommt Shore zu der Erkenntnis, dass es nicht reicht, eine Mauer zu brechen, einen kommunistischen Staatenblock abzuschaffen, in die westliche Konsumwelt einzutauchen und Reisefreiheit zu erleben, um auch die Gedanken- und Verhaltensmuster der Menschen in der "Welt danach" abzulösen. Immer bleibt etwas, manchmal Nostalgie, oft Gewohnheit, auch Überzeugung und die Wurzeln der Erziehung.

Gehorsame Kinder

Der Restkommunismus in den Köpfen der Menschen ist nicht gut oder böse, sondern eine Tatsache, mit der umzugehen und die zu verstehen sich die Historikerin zur Aufgabe gemacht hat. Der Reiz dieses Buches liegt in den persönlichen Illustrationen einer jungen Frau, die tagebuchähnlich den Alltag von Tschechen oder Polen, Slowaken oder Rumänen skizziert. Shore erzählt von ihren Begegnungen mit Menschen, für deren Schicksal sie sich authentisch interessiert: für ihre Sorgen, ihre Art, das Leben zu meistern, ihre Jobs, Familien, Begabungen, Freuden und Krisen. Hin und wieder lugen intellektuelle Analysen durch die Zeilen, dann setzt sich jedoch schnell wieder die facettenreiche Erzählung durch, geprägt von persönlichen Erfahrungen, auch trostlosen Erlebnissen, denn viele Menschen in den postkommunistischen Staaten tragen ein politisches Trauma mit sich herum, sind auch Jahre und Jahrzehnte nach dem Umbruch Ende der 1980er Jahre noch verunsichert, in gewissem Sinne heimatlos und suchen nach einer zukunftsfesten, neuen Identität.

Mitte der 1990er Jahre übernimmt Shore in einer böhmischen Stadt eine Stelle als Englischlehrerin und schildert, wie die Kinder strammstehen und sie mit "Frau Professor" ansprechen, früher hieß es "Frau Genossin". Shore schreibt: "Man hatte den Unterricht zwar von kommunistischem Gedankengut bereinigt, aber ein gewisser Totalitarismus oder vielmehr das durchdringende Gefühl allgemeiner Beschränkung bestand nach wie vor." Als der Winter durchbricht, steht die junge Frau entwaffnet vor einer Schar frierender Kinder, die ihre warmen Stiefel den Vorschriften gemäß in der unbeheizten Schule gegen Hausschuhe ausgetauscht haben. Die Lehrerin empört sich über den Skandal, und die Schulleitung empört sich über die junge Frau, die es gewagt hat, die Regeln zu ändern. Keine Frage: ein Buch zum Nachdenken. Claus Peter Kosfeld z

Marci Shore:

Der Geschmack von Asche. Das Nachleben des Totalitarismus in Osteuropa.

Verlag C.H. Beck, München 2014; 376 S., 26,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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