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Hans-Jürgen Leersch
Geld ist zu billig

Finanzen Die Lebensversicherungen müssen in der Niedrigzinsphase stabilisiert werden. Schutz für Altersvororge

Die Niedrigzinsphase auf dem Kapitalmarkt hat zwei Seiten: Vorteile bietet sie für die Finanzminister, aber auch private Kreditnehmer, die sich billiger verschulden können. Nachteile haben die Geldgeber, zum Beispiel die Kunden von Lebensversicherungen, deren einst hohe Erträge dahin schmelzen wie Schnee in der Sonne. Um die Lage der Lebensversicherungen zu stabilisieren, beschloss der Bundestag am Freitag den von der Bundesregierung eingebrachten Entwurf eines Gesetzes zur Absicherung stabiler und fairer Leistungen für Lebensversicherte (18/1772, 18/2016). "Wenn wir nicht handeln, fahren wir einen wesentlichen Teil der privaten Altersvorsorge an die Wand", begründete Hans Michelbach (CSU) die Aktivitäten der Großen Koalition.

Bewertungsreserven

Mit dem Gesetz sollen unter anderem die Beteiligung der Versicherten an den Risikoüberschüssen der Unternehmen von 75 auf 90 Prozent erhöht und die Verwendung der Bewertungsreserven geändert werden. Zugleich wird die Garantieverzinsung für Neuverträge (Höchstrechnungszins) von derzeit 1,75 auf 1,25 Prozent gesenkt. Nachdem die Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD im Finanzausschuss des Bundestages noch einige Änderungen an dem Entwurf vorgenommen hatten, stimmte die Koalitionsmehrheit dem Gesetzentwurf zu. Die Oppositionsfraktionen Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen lehnten den Entwurf ab.

Michelbach verteidigte die Maßnahme mit dem Hinweis, eine Trendumkehr bei den Zinsen sei nicht in Sicht. Vielmehr habe die Europäische Zentralbank (EZB) gerade erst wieder die Zinsen gesenkt. Da ein erheblicher Teil der privaten Altersvorsorge in Lebensversicherungen stecke, bestehe Handlungsbedarf. Es sei doch paradox, dass Lebensversicherungen um so mehr Geld ausschütten müssten, je niedriger die Zinsen seien. Bewertungsreserven, an denen die Kunden beteiligt werden müssen, entstehen durch Kurssteigerungen festverzinslicher Wertpapiere wie Bundesanleihen. Zu diesen Kurssteigerungen kommt es, wenn die Zinsen sinken.

Zu den wesentlichen Inhalten des Gesetzentwurfs gehört deshalb, dass die Ausschüttung von Bewertungsreserven an Kunden, deren Verträge enden, begrenzt werden, sofern die von einem Versicherungsunternehmen gebildeten Rückstellungen bei den gegenwärtig niedrigen Zinsen nicht ausreichen, um die den verbleibenden Versicherten gegebenen Garantiezusagen zu finanzieren. Weiter können den Versicherungsunternehmen Ausschüttungen an Aktionäre untersagt werden, um die Erfüllung der garantierten Zusagen sicherzustellen. Vom Bundestag abgelehnt wurden zwei Änderungsanträge der Linksfraktion(18/2025, 18/2026) zu Bewertungsreserven und Überschussbeteiligung. Ebenfalls abgelehnt wurde ein Entschließungsantrag der Linksfraktion (18/2027), in dem einen Verzicht auf die Einschränkung der Versichertenbeteiligung an den Bewertungsreserven forderte.

Die Oppositionsfraktionen wandten sich strikt gegen die Maßnahmen. "Sie sind vor der Versicherungslobby eingeknickt", rief Susanna Karawanskij (Linke). Den von der Koalition angekündigten fairen Interessenausgleich zwischen Versicherten und Unternehmen gebe es nicht. Die Politikerin erklärte, der Gesetzentwurf bringe wenig Gutes für die Versicherten. Bei den Änderungen an den Bewertungsreserven würden die Versicherten gegeneinander ausgespielt.

Gerhard Schick (Grüne) sagte, es dürfe nicht nur auf der Kundenseite was gemacht werden, sondern es müsse eine wirksame Ausschüttungssperre für Eigentümer geben. Die von der Koalition beschlossene Ausschüttungssperre greife aber bei vielen Unternehmen nicht, "und das ist ein massives Problem". Mit Blick auf die von der Sperre nicht betroffenen Lebensversicherungen, die mit ihren Muttergesellschaften Gewinnabführungsverträge haben, fordert Schick eine "effektive Ausschüttungssperre". Auch die Eigenmittelausstattung der Lebensversicherungen sei mit 1,4 Prozent "unterirdisch gering".

Manfred Zöllmer (SPD) entgegnete, für viele Menschen sei die Lebensversicherung eine wichtige Säule der Altersversorgung: "Sie sind deshalb existenziell darauf angewiesen, auf Dauer stabile Lebensversicherungen zu haben." Angesichts der durchschnittliche Rendite deutscher Anleihen von 1,6 Prozent und des durchschnittlichen Garantiezinses der Lebensversicherungen von 3,2 Prozent "muss man nicht zwölf Semester Volkswirtschaft studiert haben, um zu erkennen: Da gibt es ein Problem." .

Außerdem soll die Kostentransparenz der Versicherungsprodukte soll erhöht werden. Die Koalition änderte allerdings den Entwurf der Regierung, der eine Offenlegung der Höhe der Provisionen der Versicherungsvermittler vorgesehen hatte. Dies könnte zu Wettbewerbsverzerrungen führen, da die Provision in unterschiedlichen Vertriebswegen eine unterschiedliche Bedeutung und Höhe habe, begründeten die Koalitionsfraktionen ihren Antrag. Zur Verbesserung der Produkttransparenz sollen die Effektivkosten der Lebensversicherungsverträge angegeben werden.

Abgelehnt wurde ein Antrag der Linksfraktion (18/1815), in dem die Bundesregierung aufgefordert wurde, möglichst bald belastbare Zahlen zu Lebensversicherungen vorzulegen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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