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ORTSTERMIN: BEIM MAUERDENKMAL DER DANZIGER WERFT
Sören Christian Reimer
Symbol für Demokratie und Freiheit

Etwas verloren wirkt das rötliche, etwa drei Meter hohe Stück Backsteinmauer im Schatten des Reichstagsgebäudes. Aufgestellt direkt an der nordöstlichen Ecke des Parlamentsbaus gehört es nicht zu den auffälligsten und sichtbarsten Erinnerungsorten der Hauptstadt. Doch immer wieder zieht es Touristen vom Spreeufer herüber zu dem Mauerstück. Einige Passanten eher durch Zufall, weil sie den in der Nähe stehenden Polizisten nach dem Weg zum Besuchereingang des Bundestags fragen, andere aus Neugier. So zum Beispiel Roland und Melanie Fleischer. "Mir ist das merkwürdig vorgekommen. Ein Stück der Berliner Mauer kann es ja nicht sein. Die war ja aus grauem Beton", sagte der Familienvater. Dem Ehepaar aus Frankfurt am Main fiel das Backsteinwerk auf, als es mit seinen beiden Töchtern auf dem Weg zu einem Besuch der Reichstagskuppel war. Und in der Tat: Das Mauerstück stand ursprünglich nicht in der deutschen Hauptstadt, sondern auf dem Gelände der Danziger Werft in Polen.

Über diese unscheinbare Werftmauer soll am 14. August 1980 der spätere polnische Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa geklettert sein, um die Führung der streikenden Werftarbeiter zu übernehmen - und Geschichte zu schreiben. Es folgte die Gründung der unabhängigen Gewerkschaft "Solidarnosc", die in Polen und in den anderen ost- und mitteleuropäischen Ländern die Bevölkerungen dazu inspirierte, die kommunistischen Regime herauszufordern. Was mit dem Fall der Berliner Mauer, der sich in diesem Jahr zum 25. Mal jährt, und dem Untergang des Sowjetreiches glücklich endete, fing mit dem Klettern über eine Mauer in Danzig an. Eben in jener Stadt, in der vor 75 Jahren die ersten Schüsse des Zweiten Weltkrieges fielen.

Der Sejm, das polnische Parlament, schenkte 2009 dem Deutschen Bundestag das bedeutungsvolle Mauerstück. Bei der Übergabe am 17. Juni desselben Jahres erinnerte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) daher auch daran, dass es in der Nähe dieser Mauer in Danzig war, wo der "Kampf für die Demokratie" im kommunistischen Teil Europas begonnen hatte. Eine bronzene Gedenktafel an dem Bauwerk würdigt folglich "den Beitrag Polens zur Wiedervereinigung Deutschlands und für ein politisch geeintes Europa".

Die unmittelbare Nähe des Danziger Mauerstücks zum einstigen Verlauf der Berliner Mauer weckt auch bei Besuchern aus dem Ausland Erinnerungen. Philip Osanic aus Kanada hielt das Mauerstück zunächst für einen Teil der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Doch der Verweis auf "Solidarnosc" brachte ihn schnell auf die richtige Spur. "Wir haben die Ereignisse in Polen damals intensiv in den Nachrichten verfolgt", sagte Osanic. Gemeinsam mit seinem Vater Brian und Sohn Nicolas ist er gerade auf Reise quer durch Europa. Die Umwälzungen in Deutschlands östlichen Nachbarland seien damals auf große Resonanz in Kanada getroffen. "Bei uns gibt es viele polnisch-stämmige Einwohner", berichtete Osanic.

Die vergleichsweise bescheidene Präsentation der Mauer am Spreeufer stößt indes nicht bei allen Passanten auf Zustimmung: "Das ist ein wichtiges Stück Geschichte", sagte etwa Frank Streicher aus Freiburg im Breisgau. "Das sollte zentraler dargestellt werden."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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