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Kriegsbeginn
Jochen Böhler
Das Trauma der Besatzung

Der deutsche Einmarsch vom September 1939 ist bis heute in Polen ein stark diskutiertes Thema

Dem deutschen Normalbürger mag es übertrieben erscheinen, wenn auch heute noch, nahezu 70 Jahre nach Kriegsende, die Zeit der deutschen Besatzung in Polen ein viel diskutiertes Thema ist und die Beziehungen beider Länder belastet. Verständlich wird dies, wenn man sich vor Augen führt, welch katastrophale Folgen der deutsche Einmarsch 1939 für unsere östlichen Nachbarn hatte.

Der polnische Außenminister Józef Beck hatte im März 1939 vor dem Sejm mit starken Worten den deutschen Forderungen nach einer Einverleibung der Freien Stadt Danzig in das Reichsgebiet und einer exterritorialen Verbindung durch den polnischen Korridor, der Ostpreußen vom übrigen Reichsgebiet trennte, eine Abfuhr erteilt: "Den Begriff des Friedens um jeden Preis kennen wir Polen nicht. Im Leben der Menschen, der Völker und der Staaten gibt es nur ein Gut, das keinen Preis hat: die Ehre!" Die aus den Trümmern des Ersten Weltkriegs nach über einem Jahrhundert der Teilungen wiedererstandene Republik wollte sich nicht zum Spielball einer seiner übermächtigen Nachbarn - Deutschland und Russland - machen lassen. Eine selbstbewusste Haltung, die letztlich zur vierten Teilung Polens, festgeschrieben im geheimen Zusatzprotokoll des "Hitler-Stalin-Paktes", führte. Polen war damit der erste Staat in Europa, der sich dem Expansionsdrang des Dritten Reiches entgegenstellte. Kurz zuvor hatte die Beschwichtigungspolitik der Westmächte gegenüber dem Dritten Reich lediglich dazu geführt, dass dessen Truppen die Tschechoslowakei besetzten.

Der Überfall

Für seine Standhaftigkeit musste Polen, von Frankreich und England im Stich gelassen, einen furchtbaren Blutzoll zahlen. Im September 1939 wurde die polnische Bevölkerung von zwei unterschiedlichen Gewaltwellen heimgesucht: Die deutschen Truppen hatten den Auftrag, das Land ohne Rücksicht auf humanitäre Belange möglichst schnell militärisch zu besetzen. Hitler hatte den Oberbefehlshabern der Truppenteile vor Angriffsbeginn die Worte mit auf den Weg gegeben: "Bei Beginn und Führung des Krieges kommt es nicht auf das Recht an, sondern auf den Sieg. Herz verschließen gegen Mitleid. Brutales Vorgehen. 80 Mill.[ionen deutsche] Menschen müssen ihr Recht bekommen. Ihre Existenz muss gesichert werden. Der Stärkere hat das Recht. Größte Härte." Da sie das besetzte Gebiet aufgrund vorheriger Warnungen der Truppenführer und althergebrachter Vorurteile irrtümlicherweise für "partisanenverseucht" hielten, liefen deutsche Soldaten während des Vormarsches in polnischen Ortschaften Amok. Zum Opfer fielen ihnen Tausende Männer, Frauen, Kinder und alte Menschen, sowie polnische Soldaten, die unmittelbar im Anschluss an ihre Gefangennahme erschossen wurden. Die deutsche Luftwaffe bombte derweil unterschiedslos Hunderte polnische Städte und Dörfer in den ersten Tagen des Angriffs in Grund und Boden.

Die "Intelligenzaktion"

Die Zweite Gewaltwelle ging von den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei aus, die im Rücken der Truppe ein zuvor festgelegtes Mordprogramm in die Tat umsetzten. Dieses richtete sich gezielt gegen die Angehörigen der polnischen Bildungsschichten, der sogenannten "Intelligenz". Hintergrund war die zynische Überlegung, dass aus diesem Personenkreis am ehesten die Anführer eines zu erwartenden polnischen Widerstandes hervorgehen würden. Im Sommer 1939 hatte man bereits von Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen Informationen gesammelt und ein "Sonderfahndungsbuch" erstellt, das über 30.000 Namen enthielt. Bei deren Verfolgung und Ermordung griffen die Einsatzgruppen ebenfalls auf Männer aus den Reihen der "Volksdeutschen Minderheit" in Polen zurück, die durch ihre Ortskenntnisse und aktive Beteiligung den Prozess erheblich beschleunigten. Viele von ihnen waren auch dadurch hoch motiviert, dass der in Auflösung begriffene polnische Staat in den ersten Septembertagen brutale Repressionen gegen die deutsche Minderheit durchgeführt hatte: Schätzungsweise 4.500 Opfer hatte sie zu beklagen. Das deutsche Mordprogramm dagegen forderte bis Jahresende über 50.000 Tote aus den Reihen der Bevölkerung.

Die Parallelen zum deutschen Vorgehen in der Sowjetunion 1941 legen es nahe, den deutschen Überfall 1939 als Auftakt zu einem Vernichtungskrieg zu sehen, der durch völkerrechtswidriges Vorgehen der Truppe gegen die Landeseinwohner und Kriegsgefangenen einerseits und die Durchführung eines Mordprogrammes durch die Einsatzgruppen andererseits charakterisiert war. In Russland schnellten die Opferzahlen allerdings rasch in den sechsstelligen Bereich, und anstelle einer autochthonen "Intelligenz" wurden nun die im Einmarschgebiet lebenden Juden zum Hauptfeind erklärt.

Die Vierte Teilung

Eine völlige Unterwerfung Polens war ab Ende 1939 erklärtes Ziel im besetzten Gebiet. Während die westlichen Teile dem Deutschen Reich einverleibt wurden und so schnell wie möglich von Polen und Juden "gesäubert" werden sollten, wurde im östlichen Teil ein "Generalgouvernement" eingerichtet, wo in einem rechtsfreien Raum die Verfolgung und Ermordung der Bevölkerung unbehelligt durchgeführt werden konnte. Juden wurden ab 1940 in Ghettos zusammengepfercht. Ab Sommer 1942 errichteten die Besatzer auf polnischem Boden die Vernichtungslager, in denen drei Millionen polnische Juden und Hundertausende Polen ermordet wurden. Insgesamt verloren schätzungsweise sechs Millionen Bürger der Zweiten Polnischen Republik zwischen 1939 und 1945 ihr Leben, was in etwa einem Fünftel der Vorkriegsbevölkerung entspricht.

Die deutsche Besatzungspolitik im besetzten Osten während des Zweiten Weltkriegs war beispiellos. Etwas Vergleichbares hatte es zuvor nicht gegeben, trotz mancher Parallelen zum geplanten deutschen Vorgehen im polnischen Nordosten während des Ersten Weltkrieges. Der Bevölkerung Polens wurde dabei von Beginn an keine Perspektive gegeben: Schulunterricht, so legte der Reichsführer SS Heinrich Himmler im Mai 1940 fest, sollte nur bis zur vierten Klasse erfolgen: "Einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens, eine Lehre, dass es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleißig und brav zu sein. Lesen halte ich nicht für erforderlich," und "Den Begriff Juden hoffe ich […] völlig auslöschen zu sehen." Damit schürte die politische Führung des Dritten Reiches paradoxerweise den unerbittlichen Widerstand, den sie im September 1939 hatte auslöschen wollen: Ab 1940 bildete sich mitten im deutsch besetzten Gebiet ein illegaler polnischer Untergrundstaat, der unter anderem über eine eigene Regierung - die polnische Exilregierung in London -, eigene Schulen und Universitäten und eine eigene Armee - die polnische "Heimartarmee" - verfügte. Zwei verzweifelte Aufstandsversuche - der Warschauer Ghettoaufstand im April 1943 und der Warschauer Aufstand der Heimatarmee im August 1944 - wurden von deutscher Seite blutig niedergeschlagen. Letzterer, dessen Ausbruch sich dieser Tage zum siebzigsten Mal jährt, forderte unter der Warschauer Bevölkerung 170.000 Todesopfer, die meisten davon am Kampf unbeteiligte Zivilisten.

Die Erinnerung

Der 1. September 1939 leitete all diese Entwicklungen ein und steht daher bis heute in Polen symbolisch für das Trauma der Besatzung, während er hierzulande eher allgemein als Beginn des Zweiten Weltkrieges erinnert wird. Bis heute wird von manchem deutschen Historiker der brutale Charakter des deutschen Krieges gegen Polen relativiert: Die Massenerschießungen der Wehrmacht hätten sich vermutlich doch gegen polnische Partisanen gerichtet, Luftangriffe hätten sich auf rein militärische Ziele beschränkt. Dies ist umso beschämender, als die Quellenlage eindeutig ist: Selbst die Wehrmacht räumte schon 1939 den terroristischen Charakter ihrer Kriegführung ein. In Polen geht man dagegen mittlerweile auch allmählich dazu über, schmerzhafte Themen, wie etwa die Beteiligung einzelner Teile der Bevölkerung an der Verfolgung und Ermordung der Juden, aber auch an Angehörigen der deutschen Minderheit zu untersuchen.

Der Autor arbeitet als Historiker am Imre Kertész Kolleg der

Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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