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Vertreibung
Thomas Urban
In Haufen hinter Oder und Neiße

Die Ostdeutschen mussten den Preis für Hitlers Polenpolitik bezahlen

Bis heute ist die Mehrheit der Polen über die Vertreibung der Deutschen schlecht informiert, die objektive Aufarbeitung des sperrigen Themas durch polnische Historiker hat die breite Öffentlichkeit nicht erreicht. Aus diesem Grunde konnten Politiker und Publizisten des rechten Lagers an der Weichsel die neue deutsche Vertreibungsdebatte, die das Projekt eines Dokumentationszentrums in Berlin ausgelöst hat, als politische Bedrohung darstellen. Parteiübergreifend werfen sie der deutschen Seite Verfälschung der Geschichte vor: Die Debatte rücke die Verbrechen der Deutschen im besetzten Polen völlig in den Hintergrund. In der Tat hatten die Deutschen, die östlich von Oder und Neiße lebten, den Preis für den Vernichtungskrieg von SS und Wehrmacht zu zahlen, für die von ihnen begangenen Massenmorde und brutalen Vertreibungen, für die Missachtung jeglicher Rechte und die hochfahrende Demütigung der Polen. Die Einwohner der Ostgebiete flüchteten und durften nicht an ihre Heimatorte zurückkehren, sie wurden vertrieben oder zwangsausgesiedelt, weil Polen als Ergebnis des Krieges rund 250 Kilometer nach Westen verschoben wurde: Es verlor große Gebiete an die Sowjetunion.

Darauf hatten sich die Großen Drei - Stalin, Roosevelt und Churchill - im Februar 1945 auf der Konferenz von Jalta geeinigt. Demnach sollte Polen zur sowjetischen Einflusszone gehören. Erstmals waren Stalin, Churchill und Roosevelt im November 1943 in Teheran zusammengekommen, um über die Nachkriegsordnung zu beraten. Dabei erörterten sie auch die Verschiebung Polens von Ost nach West zu Lasten des Deutschen Reiches. Die Sowjetunion sollte die bislang polnischen Gebiete östlich der Flüsse Bug und San behalten. Stalin behielt somit das Gebiet, das ihm Hitler im geheimen Zusatzabkommen zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939 zugestanden hatte. Polen sollte dafür mit Ostpreußen, Ostpommern sowie Oberschlesien entschädigt werden. Dies sollte die neue Heimat von zwei Millionen Einwohnern des bisherigen Ostpolens werden, sie wurden nach Westen zwangsausgesiedelt. Churchill veranschaulichte seinen Plan mit drei Streichhölzern: Das rechte verschob er nach ganz links, von Ost nach West.

Offene Grenzfragen

In Jalta und auch auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 konnten die Großen Drei jedoch keine Einigkeit über die Westgrenze Polens erzielen. Dies sollte einer künftigen Friedenskonferenz vorbehalten bleiben. Bis dahin sollten laut dem Potsdamer Protokoll die Oder-Neiße-Gebiete "unter polnischer Verwaltung" stehen. Der Begriff "Deutschland in den Grenzen von 1937", der später für so viel Polemiken und Kontroversen sorgen sollte, entstand also in Potsdam. Doch wurden die Oder und die Görlitzer Neiße faktisch zur neuen polnischen Westgrenze, weil die kommunistische Führung in Warschau die deutschen Ostgebiete mit Rückendeckung des Kremls annektierte. Der Vormarsch der Roten Armee im Winter 1944/45 hatte vor allem für die Frauen und Kinder - die Männer waren ja im Krieg, gefallen oder in Gefangenschaft - eine Zeit des Schreckens, des Elends und des Chaos bedeutet. Die Rotarmisten waren von ihren Politoffizieren aufgerufen worden, sich für die Verbrechen zu rächen, die die deutschen Besatzer in der Sowjetunion begangen hatten - Rache für Millionen getöteter Zivilisten, für die verhungerten Kriegsgefangenen, für die Zerstörung der Städte und die Vernichtung ganzer Landstriche durch die Taktik der "verbrannten Erde".

Doch hatte das zügellose Verhalten der Rotarmisten in den deutschen Ostprovinzen ganz offensichtlich noch einen anderen Grund: Sie sollten Angst und Schrecken verbreiten, um die zurückgebliebenen Deutschen zur Flucht zu veranlassen. Die Gebiete sollten ja an Polen fallen. Der Kreml kalkulierte offenbar mit einem deutsch-polnischen Dauerkonflikt, in dem Warschau langfristig an Moskau gebunden wäre. Denn nur die Sowjetarmee könnte die neue polnische Westgrenze schützen. Die polnischen Behörden begannen mit "wilden Austreibungen", wie es westliche Politiker formulierten. Nach Berechnungen deutscher Historiker befanden sich im Sommer 1945 noch mehr als fünf Millionen Deutsche östlich von Oder und Neiße, also die Hälfte der Einwohner der Vorkriegszeit. Als "Feinde des polnischen Volkes" hatten sie keinerlei Rechte, sie wurden enteignet, die polnische Bürgermiliz, wie nun die Polizei nach sowjetischem Vorbild hieß, schützte sie nicht vor den Übergriffen von Banden, die Justiz ahndete an ihnen verübte Verbrechen nicht. Erklärte Nazi-Gegner, darunter Kommunisten und Sozialdemokraten, die im KZ gesessen hatten, wurden ebenso wie Geistliche keineswegs von den Repressionen ausgenommen. Kapitalverbrechen wie Raubmord und Totschlag waren an der Tagesordnung, ebenso wie Vergewaltigungen.

"Deutschen-Ghettos"

Zehntausende von Deutschen wurden zur Zwangsarbeit herangezogen, an vielen Orten wurde ihnen mit Kreide ein großes Hakenkreuz auf den Rücken gemalt. Neuankömmlinge aus Polen konnten Deutsche, die noch in den eigenen vier Wänden wohnten, auf die Straße setzen, wenn ihnen die Wohnung gefiel. In mehreren Städten mussten diese in besonders gekennzeichnete Straßen ziehen, diese Bezirke nannten die Behörden "Deutschen-Ghettos". Die kommunistische Arbeiterpartei gab die Parole aus: "Wir treiben sie in Haufen hinter Oder und Neiße!" - und bekam dafür auch Beifall aus dem antikommunistischen bürgerlichen Lager, das wenig später selbst Verfolgungen ausgesetzt war. Auch Hunger sollte die Deutschen aus dem Land treiben. Die katastrophalen hygienischen Bedingungen in den zerstörten Städten führten unter den schlecht ernährten Deutschen zum Ausbruch von Seuchen. Fleckfieber, Ruhr und Diphterie breiteten sich aus, vor allem alte Menschen und Kleinkinder starben. Auch grassierten unter den Frauen Geschlechtskrankheiten, eine Folge der Vergewaltigung durch Rotarmisten. Meist hatten die Deutschen in Viehwaggons ihre Heimatstadt zu verlassen. Doch mussten Hunderttausende auch den beschwerlichen Fußmarsch nach Westen antreten. Ein beträchtlicher Teil von ihnen überlebte den Treck nach Westen nicht, vor allem Greise und Kleinkinder.

Die Kirche schwieg

In Polen fand bis heute keine Debatte darüber statt, warum Repressalien kopiert wurden, die die Polen selbst unter der deutschen Besatzung während des Krieges erduldeten. Allerdings handelte es sich nicht um eine Vernichtungspolitik, es gab weder staatlich durchgeführte Massenmorde, noch Vernichtungslager wie unter der deutschen Besatzung während des Krieges. Wohl nahm die Führung in Warschau bei der Verdrängung der Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße den Tod vieler Betroffener billigend in Kauf. Doch nicht zuletzt wegen Protesten aus dem westlichen Ausland gab Warschau damals bald eine andere Linie vor: Es galt die Sprachregelung vom "Bevölkerungstransfer aus Polen", der "auf Befehl der Siegermächte geordnet und human" durchgeführt worden sei.

Auch die katholische Kirche Polens protestierte nicht gegen die Art und Weise, wie die Deutschen behandelt wurden. Vor allem auf dieses Wegsehen bezog sich der zweite Teil der berühmten Botschaft "Wir vergeben und bitten um Vergebung", die die polnischen Bischofe zwei Jahrzehnte später ihren deutschen Amtsbrüdern übergaben. Allerdings änderte der Briefwechsel der Bischöfe von 1965/66 nichts daran, dass die polnische Kirche gemeinsam mit der kommunistischen Führung den Standpunkt vertrat, Polen habe einen historischen Anspruch auf Schlesien, Pommern, West- und Ostpreußen. So wurden im Einklang systematisch alle deutschen Spuren entfernt: von Biergläsern und Kaffeetassen mit deutschen Aufdrucken über Straßenschilder und Reklametafeln bis zu Denkmälern, Kirchen und Friedhöfen. Die Grabsteine wurden teilweise verbaut, in Breslau etwa in den Stützmauern für eine neue Zuschauertribüne im Fußballstadion oder für die Raubtiergehege im Zoo.

Auch die polnischen Geschichtsbücher marginalisierten die deutsche Vergangenheit der Oder-Neiße-Gebiete und brandmarkten sie als Fremdherrschaft. Dass der schlesische Adel sich im frühen 14. Jahrhundert unter den Schutz des deutschen Kaisers gestellt hatte, dass 99 Prozent der Einwohner Breslaus und 97 Prozent in Danzig vor dem Krieg Deutsche waren, dass die protestantischen Masuren treu zu Preußen standen und stark antipolnisch eingestellt waren - all diese Themen waren bis zur politischen Wende von 1989 weitestgehend tabu.

Doch nach dem Ende der Zensur erschienen in Polen Hunderte von Büchern über die deutsche Vergangenheit der Regionen östlich von Oder und Neiße. Sie wurde zum Modethema junger Historiker und Gegenstand zahlreicher Ausstellungen. Begegnungen mit Vertretern der Heimatvertriebenen wurden Alltag, lösten weder Ängste, noch Polemiken aus. In zahllosen schlesischen Gemeinden und Pfarreien sind Partnerschaften zwischen den früheren deutschen und den jetzigen polnischen Einwohnern entstanden. Sie verbindet nicht nur die gemeinsame Erfahrung, die Heimat verloren zu haben, sondern auch das gemeinsame Interesse an der Erhaltung von Kulturgütern, die ihre Heimatorte prägen.

Doch im fernen Warschau versteht man diese Annäherung wenig. Die Deutschlandexperten der Hauptstadtpresse haben es bis heute nicht geschafft, ihren Landsleuten zu vermitteln, dass die überwältigende Mehrheit der Heimatvertriebenen längst ihr Schicksal akzeptiert und ihren Frieden mit den Polen gemacht hat, auch im Bund der Vertriebenen.

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Aus Politik und Zeitgeschichte

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