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Gedenkkultur
Gernot Facius
Erinnerung an das menschliche Leid

In Berlin entsteht nach langen Diskussionen ein Informationszentrum zu Flucht und Vertreibung. Es nimmt auch die europäische Dimension des Themas in den Blick

Ein authentischer Ort, eingebettet in die Landschaft deutscher Gedenkkultur. Von der Rückseite des Deutschlandhauses am Berliner Anhalter Bahnhof, dicht an der ehemaligen Sektorengrenze, geht der Blick hinüber auf die Topographie des Terrors, eine Einrichtung zur Erinnerung an die gigantischen NS-Verbrechen. In dieser Nachbarschaft entsteht nach quälend langen politischen Debatten für rund 30 Millionen Euro das Ausstellungs-, Dokumentations- und Informationszentrum der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung". Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gab am 11. Juni 2013 das Startsignal für den Umbau des zwischen 1926 und 1935 als Teil des Komplexes Europahaus errichteten Deutschlandhauses, das während der Zeit der Spaltung ein von der DDR-Staatssicherheit mit Feldstechern kontrolliertes Vertriebenen-Begegnungszentrum war. "Es waren", gestand Merkel, "wahrlich viel schwierige Schritte nötig. Auch ich war nicht jeden Tag sicher, ob es gelingt. Es ist gelungen, aber manch einer musste auch über Schatten springen." Drastischer drückte sich in der Rückschau auf die Geschichte dieses Vorhabens Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), aus. Sie verglich den langen Weg zu der Stiftung, vom Grundsatzbeschluss der ersten schwarz-roten Bundesregierung im Jahr 2005 über die Einigung auf die Konzeption 2008 zu jenem Juni-Tag, mit "einer Art Extrembergsteigen, nicht ohne Verwerfungen und Steinschlag".

Die geistigen Paten

Die CDU-Bundestagsabgeordnete Steinbach und der verstorbene SPD-Politiker Peter Glotz sind die geistigen Paten. Ohne ihre Initiative für ein "Zentrum gegen Vertreibungen" würde es die heutige unselbständige Bundesstiftung unter dem Dach des Deutschen Historischen Museums (DHM) kaum geben - auch wenn das staatliche Projekt etwas anderes ist als das 1998 inspirierte zivilgesellschaftliche "Zentrum". Steinbach musste freilich über die von Merkel erwähnten Schatten springen und unter politischem Druck, vor allem aus Polen, auf einen Sitz im Stiftungsrat verzichten.

Von Anfang an wurde das Vorhaben vom Vorwurf begleitet, in deutschem Namen begangene Verbrechen relativieren zu wollen. "Manchmal", so erinnerte sich Professor Manfred Kittel, Gründungsdirektor der Bundesstiftung, "konnte man in der Hitze des Gefechts fast den Eindruck gewinnen, als ginge es noch einmal um die Unterzeichnung des Moskauer, des Warschauer und des Prager Vertrages - und nicht nur um einen Sitz im Stiftungsrat oder um die Konzeption eines Ausstellungszentrums". Dabei hatte schon vor einem Jahrzehnt der des Revanchismus unverdächtige Sozialdemokrat Glotz beschrieben, worum es geht: die "Deutschen dazu zu bringen, über Vertreibungen nachzudenken, gegen neuerliche Vertreibungen zu kämpfen und die Opfer der Vertreibungen zu betrauern". Dass es zu keiner Zeit die Absicht war, die deutschen Wunden als singulär darzustellen, kam schon im Plural im Namen der Steinbach/Glotz-Initiative zum Ausdruck: "Zentrum gegen Vertreibungen". Und Paragraph 16 des Errichtungsgesetzes der Bundesstiftung bestimmt, die Einrichtung solle "im Geiste der Versöhnung die Erinnerung und das Gedenken an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert im historischen Kontext des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und ihren Folgen wachhalten". Konkret: Es soll nicht nur an die Schicksale deutscher Vertriebener erinnert werden. Vielmehr richtet sich der Blick auch auf andere Opfer von Flucht, Vertreibung und "ethnischer Säuberung": von den Balkankriegen vor dem Ersten Weltkrieg und dem Vertrag von Lausanne 1923 zum griechisch-türkischen "Bevölkerungsaustausch" bis nach Ex-Jugoslawien in den 1990er Jahren. "Wobei auch klar ist", sagt Professor Kittel über die Darstellung der Geschichte der "Gewaltmigration" im ganzen 20. Jahrhundert: "Ausgangspunkt der Debatte in Deutschland war nun eben mal auch Flucht und Vertreibung von 14 Millionen Deutschen. Das ist wichtig, weil wichtige geistige Vorläufer von Vertreibungsideen schon sehr früh, vor dem Ersten Weltkrieg entstanden sind. Und das Rad wurde dann immer weiter gedreht." Ein Ziel der Stiftung, das hat Kittel schon 2010 vor der bayerischen SPD-Landtagsfraktion erklärt, sei die Versöhnung der Deutschen mit sich selbst: der vertriebenen Minderheit mit der nicht vertriebenen Mehrheit, in einem Land, das von den Vertriebenen oft genug als "kalte Heimat" empfunden worden sei. "Wir dürfen also, bei aller Sensibilität für die europäische Dimension des Themas, vor unserer eigenen Trauerarbeit als Deutsche nicht fliehen."

Es geht um Menschen. Die 2008 beschlossene Grundkonzeption gibt die Richtung vor. Das Doku-Zentrum im Deutschlandhaus - Eröffnung voraussichtlich 2016 - soll die Erinnerung an das tiefe menschliche Leid wachhalten, das mit Vertreibungen verbunden ist: Die Berücksichtigung individueller Schicksale schaffe die Möglichkeit zur empathischen Auseinandersetzung, sie erlaube auch einen emotionalen Zugang zum Thema. Kritiker befürchteten eine Dominanz der "Gefühle". Kittel warnte indes, einen künstlichen Gegensatz zwischen persönlichem Schicksal und historischem Zusammenhang aufzubauen. Eine solche kategorische Unterscheidung sei nicht möglich, schließlich gebe es unzählige Beispiele von Museen, die den Beweis erbrächten, dass Rationalität und Emotionalität, Wissenschaftlichkeit und Empathie sich keineswegs ausschlössen. "Gerade einige der besten Ausstellungen verdanken ihren Erfolg auch biographischen Zugängen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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