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BRESLAU
Peter Pragal
Stolz auf das ganze Erbe

Unter kommunistischer Herrschaft wurde die deutsche Vergangenheit der Stadt verdrängt.Heute präsentiert die schlesische Metropole ihre lange Geschichtefrei von ideologischer Verzerrung

An der Gräbschener Straße im Südwesten von Breslau, ungefähr dort, wo sich zu deutscher Zeit das Krematorium des Städtischen Friedhofs befand, steht ein ungewöhnliches Denkmal. Es hat die Form einer fast 70 Meter langen und mehr als drei Meter hohen Granitmauer, in die Dutzende von deutschen Grabsteinen eingefügt sind. Sie stammen von deutschen Gräberfeldern und wurden nach deren mutwilliger Einebnung zu Bauzwecken gelagert. Es entstand eine Friedhofsmauer ohne Friedhof, auf der die nicht mehr vorhandenen deutschen Begräbnisstätten Breslaus verzeichnet sind. "Zum Andenken an die früheren Einwohner unserer Stadt, die auf Friedhöfen beigesetzt wurden, die heute nicht mehr bestehen", verkündet auf Deutsch eine Tafel.

Vollständige Stadtgeschichte

Die im Oktober 2008 eingeweihte Gedenkstätte, die nach den Worten von Stadtpräsident Rafal Dutkiewicz "ehemalige und heutige Breslauer" verbindet, kennzeichnet geradezu symbolhaft den Wandel beim Umgang der heute polnischen Stadt und ihrer Bürger mit der deutschen Vergangenheit. Nach Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft, in der die Zeit vor 1945 verdrängt und Spuren der früheren Bevölkerung massenweise beseitigt wurden, hat die schlesische Metropole an der Oder ihr historisches Gedächtnis wiedergefunden. In einer Fülle alter und neuer Erinnerungsstätten und Gedenktafeln spiegelt sich der Wunsch der politischen und kulturellen Eliten, den Bewohnern und ihren Gästen ein möglichst vollständiges, von ideologischer Verzerrung freies Bild der Stadtgeschichte zu bieten.

Bilderstürmerei

Am Ende des Zweiten Weltkrieges, als deutsche Provinzen östlich von Oder und Neiße zunächst faktisch, später auch for mal Polen angegliedert wurden, konnte sich niemand eine solche Entwicklung zur heutigen Erinnerungskultur auch nur annähernd vorstellen. Damals tobte in Breslau wie in anderen ostdeutschen Städten Bilderstürmerei. Denkmäler wurden geschleift, Inschriften an öffentlichen Gebäuden herausgemeißelt oder übermalt, Grabplatten aus Kirchen entfernt, Straßen, Plätze und Brücken umbenannt. "Entdeutschung" hieß die Parole. Und den neuen Bewohnern, die zu einem erheblichen Teil aus den von der Sowjetunion annektierten Gebieten Ostpolens in die weitgehend zerstörte Stadt kamen, wurde von der Regierung eingeredet, sie befänden sich in einer urpolnischen Stadt und in wieder gewonnenen Gebieten, aus denen man die Deutschen als Schuldige am Zweiten Weltkrieg und als Nachkommen einstiger Okkupanten zu Recht vertrieben habe.

Gewiss, es gab auch in der kommunistischen Ära andere Stimmen. Zu ihnen gehört der spätere Breslauer Kardinal Boleslaw Kominek, der 1965 als Mitautor eines an die westdeutschen Amtsbrüder gerichteten Briefes den versöhnlichen Satz formulierte: "Wir vergeben und bitten um Vergebung." Willy Brandts Kniefall 1970 vor dem Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos brachte bei vielen Polen das Feindbild vom angeblichen westdeutschen Revanchismus ins Wanken. Und auch bei den meisten Anhängern der Bürgerrechtsbewegung Solidarnosc, die in Breslau wie in Danzig besonders zahlreich waren, stieß die Geschichtsklitterung der Kommunisten auf Ablehnung. Doch der eigentliche Durchbruch zu einer vorurteilsfreien Beschäftigung mit dem deutschen Erbe gelang erst, als sich Polen 1989 vom Kommunismus befreite und eine demokratisch gewählte Regierung bekam. Endlich konnte die Diskrepanz zwischen öffentlicher Verdrängung der deutschen Vergangenheit und alltäglicher Begegnung mit dem, was von ihr noch sichtbar war, öffentlich thematisiert werden.

Er habe "keine Angst vor der Geschichte", sagte der frühere Stadtpräsident Bogdan Zdrojewski, nachdem er 1990 als Kandidat der Solidarnosc ins Amt gekommen war. Die Wiedereinführung des historischen Stadtwappens aus der Habsburger Zeit gehörte zu seinen ersten Initiativen. In seiner Zeit als Stadtoberhaupt wurde im gotischen Rathaus eine Galerie eingerichtet, in der Berühmtheiten der Stadt gezeigt werden. Auf Stelen sieht man unter anderen die Büsten "großer Breslauer", darunter der Baumeister Carl Gotthard Langhans, der Maler Adolph von Menzel, der Industrielle August Borsig und der Schriftsteller Gerhart Hauptmann. Auch Zdrojewskis Nachfolger Dutkiewicz, der unter anderem im badischen Freiburg studierte und vielfältige Kontakte nach Deutschland unterhält, hat großen Anteil daran, Breslaus unverfälschte Geschichte im öffentlichen Bewusstsein zu verankern.

Ein enger Mitstreiter des Stadtpräsidenten ist Maciej Lagiewski, der Direktor der Breslauer Museen. Der Jurist und Historiker, 1955 in Breslau geboren, war 1991 an die Spitze des Historischen Museums berufen worden. Ein Höhepunkt seines Wirkens war die Eröffnung der Dauerausstellung "1.000 Jahre Breslau" 2009 im einstigen Schloss preußischer Könige. Mit ihr wird die Stadtgeschichte zum ersten Mal ohne Auslassungen präsentiert. Zwei der Räume sind König Friedrich Wilhelm III. gewidmet, der an diesem Ort 1913 den gegen Napoleon gerichteten Aufruf "An mein Volk" unterzeichnet und das Eiserne Kreuz gestiftet hat. Polen, die noch die Klischees der kommunistischen Ära im Kopf hatten, kritisierten, die Ausstellung sei zu deutsch. Als Legiewski gefragt wurde, warum er auf deutsche Nobelpreisträger stolz sei, deren Porträts in der Universität zu sehen sind, antwortete er: "Weil sie zu unserem Erbe gehören."

Denkmäler und Tafeln

Hinweise auf die deutsche Vergangenheit gehören heute zum Stadtbild. Vor der Elisabethkirche zieht eine Skulptur die Blicke auf sich. Sie erinnert an den Märtyrertod von Dietrich Bonhoeffer, der in diesem Gotteshaus als Geistlicher der Bekennenden Kirche wirkte. Im Scheitniger Park steht wieder das Schiller-Denkmal, im Botanischen Garten die Statue von Joseph von Eichendorff. An verschiedenen Gebäuden erfährt man auf Tafeln, wer früher dort gelebt hat, etwa der Physiker Max Born, der Dichter Karl Eduard von Holtei und die Ordensfrau Edith Stein. In einem Raum der Jahrhunderthalle wird die Bauleistung des Architekten Max Berg und seiner Helfer gewürdigt. Und auf einer Tafel am Eingang des Schweidnitzer Kellers im Rathaus stehen die Namen prominenter Deutscher, die hier einst gespeist und gezecht haben.

Kulturhauptstadt

Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft gestalten. In Breslau ist der Spruch mehr als ein Gemeinplatz. Die Stadt mit ihrer langen Geschichte wechselnder Herrschaftsverhältnisse hat nach den Zerstörungen des Krieges eine bewundernswerte Aufbauleistung geleistet. Seit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union profitiert sie verstärkt von der Nähe zu Deutschland. Die Metropole an der Oder boomt, wirtschaftlich und kulturell. "Das Deutsche ist nicht mehr fremd hier", sagt der Historiker Krzysztof Ruchniewicz, Leiter des in Breslau ansässigen Willy-Brandt-Zentrums. Breslau ist Heimat für Deutsche und Polen. 2016 ist die schlesische Metropole europäische Kulturhauptstadt. Dann will die viertgrößte Stadt Polens ihrem aus der Barockzeit stammenden Namen "Blume Europas" gerecht werden und sich so präsentieren, wie sie schon jetzt ist: weltoffen, tolerant und multikulturell.

Der Autor, in Breslau geboren, ist Verfasser des Buches "Wir sehen uns

wieder, mein Schlesierland".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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