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MINDERHEIT
Peter Pragal
Zwei Dutzend Bürgermeister und ein Sitz im Warschauer Sejm

Seit den 1990er Jahren können sich die Deutschen in Polen wieder selbst organisieren, zu Wahlen antreten sowie ihre Sprache und Kultur pflegen

Der 4. September 2008 war für das Dorf Lubowitz ein besonderer Tag. Gemeinsam mit dem deutschstämmigen Vorsteher des Gemeindeverbandes Rudnik enthüllte der polnische Landrat von Ratibor in einem feierlichen Akt das neue zweisprachige Ortsschild. Auf grünem Grund stand unter der polnischen Bezeichnung Lubowice in gleicher Größe und mit weißer Schrift der alte deutsche Name. Das rund 300 Einwohner zählende oberschlesische Dorf, in dem 1788 der deutsche Dichter Joseph von Eichendorff geboren wurde, war der erste Ort in Polen, dem die Regierung erlaubte, neben der offiziellen polnischen Bezeichnung wieder so zu heißen wie vor 1945.

Erweiterte Rechte

Mit der zusätzlichen Ortsbezeichnung setzte Polen ein 2005 beschlossenes Gesetz um, das die Rechte der Minderheiten erweiterte. Danach kann in Gebieten mit nationalen Minderheiten deren Muttersprache als "Hilfssprache" bei Behördengängen zugelassen werden. Auch die Aufstellung zweisprachiger Ortsschilder ist grundsätzlich erlaubt, muss aber dreifach genehmigt werden, vom Gemeinderat, vom Woiwoden und vom Innenministerium in Warschau. Das kann dauern, zumal nicht wenigen Polen die Regelung missfiel. Inzwischen haben 29 Kommunen - fast ausschließlich in der Region Oppeln - polnische und deutsche Ortsschilder; in weiteren wird die Aufstellung vorbereitet.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg und der "Westverschiebung" Polens Millionen Deutsche durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat östlich von Oder und Neiße verloren, waren mehrere hunderttausend Reichsbürger vor allem in Schlesien und Masuren zurückgeblieben. Es handelte sich in der Regel um Fachkräfte, auf deren Kenntnisse die polnischen Neusiedler angewiesen waren und die man zwangsweise im Lande hielt, sowie um alteingesessene Bewohner, die nach Annahme der polnischen Staatsangehörigkeit bleiben durften. Das galt auch für Deutsche mit einem polnischen Ehepartner.

Deutsch in der Öffentlichkeit zu sprechen, wurde in der kommunistischen Ära verboten. Die Diskriminierung und erzwungene Assimilierung machte es den verbliebenen Deutschen nahezu unmöglich, ihre Kultur und Sprache zu pflegen. Verständlich, dass Zehntausende während des politischen "Tauwetters" Ende der 1950er Jahre die vom Staat gebotene Chance nutzten, auf dem Wege der Familienzusammenführung Polen zu verlassen. In der Folge des 1970 zwischen der Bundesrepublik und Polen geschlossenen "Warschauer Vertrages" setzte eine massenhafte Ausreisewelle von Deutschen aus Polen ein, die als Aussiedler in den Westen Deutschlands kamen. Zu ihnen zählte auch der 1978 als Sohn eines Deutschen und einer Polin in Oppeln geborene Fußballspieler Miroslav Klose.

Mit dem Ende der kommunistischen Herrschaft und dem Abschluss des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages von 1991 änderte sich die Lage grundlegend. Nationale Minderheiten wie die deutsche, die ukrainische und die litauische konnten sich organisieren, zu Wahlen antreten und ihre Sprachen und Kulturen pflegen. Wie viele deutschstämmige Bürger mit polnischer Staatsbürgerschaft im östlichen Nachbarland leben, ist nicht exakt zu ermitteln. Bei der Volkszählung 2011 gaben rund 45.000 Einwohner eine ausschließlich deutsche Identität an. 103.000 nannten die deutsche neben einer anderen, in der Regel polnischen Volkszugehörigkeit. Das Auswärtige Amt beziffert die deutsche Minderheit auf etwa 300.000 Personen.

Organisiert sind die Deutschen in mehreren Vereinen und regionalen Verbänden. Ihre Arbeit konzentriert sich auf die Förderung der deutschen Sprache und Kultur. Der größte ist die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Deutschen in Oppeln. In der Woiwodschaft haben Deutsche einen Bevölkerungsanteil von etwa 7,7 Prozent. Das macht sich auch politisch bemerkbar. Als Kandidaten der deutschen Liste wurden bei der jüngsten Kommunalwahl 23 Bürgermeister und Gemeindevorsteher gewählt. In drei Kreistagen verfügt die deutsche Minderheit über die Mehrheit der Mandate. Im Oppelner Bezirksparlament ist sie mit sechs Sitzen zweitstärkste Fraktion. Im nationalen Parlament in Warschau stellt sie einen Abgeordneten. Angehörige der Minderheit mit deutscher Staatsangehörigkeit konnten im vergangenen Jahr nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum ersten Mal den Bundestag mitwählen.

Mit dem "Schlesischen Wochenblatt" hat die Minderheit eine eigene Zeitung. Die deutsche evangelische Kirchengemeinde in Breslau gibt den "Christopheriboten" heraus. Sprachrohr der deutschen Katholiken in der Erzdiözese Breslau ist der "Heimatbote." Die Minderheit kommt auch im Regionalprogramm des polnischen Hörfunks und Fernsehens zu Wort, allerdings zu ungünstigen Tageszeiten. Finanzielle Mittel bezieht die deutsche Minderheit von Polens Regierung und aus Deutschland.

Als unzureichend beklagen Vertreter der Minderheit die Situation von Kindergärten und Schulen. Zwar gibt es vereinzelt bilinguale Einrichtungen, jedoch handelt es sich dabei oft um Privatinitiativen. Damit Kinder ihre deutsche Muttersprache außerhalb der Familie spielerisch lernen können, veranstaltet der Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften sogenannte Samstagskurse. Daran haben allein 2013 gut 2.000 Kinder teilgenommen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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