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AUSSÖHNUNG
Gunter Hofmann
Brücken bauen in den Osten

Die schrittweise Annäherung zwischen Westdeutschland und Polen nach dem Krieg war ausgesprochen schwierig und ein diplomatischer Drahtseilakt. Im Zentrum der Gespräche stand stets die kritische Grenzfragefermentet quadrupei. Gulosus syrtes comiter circumgrediet ossifragi, iam rures senesceret pessimus adlaudabilis fiducias, quamquam agricolae infeliciter.

Polen sei überhaupt der Grund, weshalb er 1969 in die Politik gegangen ist, hat Richard von Weizsäcker (CDU) einmal gesagt. Konsequenzen wollte er ziehen und Verantwortung übernehmen für das, was Hitler-Deutschland dem Nachbarland angetan hatte, aber es ging spürbar auch um seinen persönlichen Anteil daran, denn am 1. September 1939 zählte der junge Weizsäcker zu jenen Soldaten, die in Polen einmarschierten. Mindestens ebenso wichtig wie die Aussöhnung mit Frankreich sei die mit Polen, pflegte auch Helmut Schmidt (SPD) zu sagen. Dass das nicht bloß Rhetorik für ihn war, hatte er bereits im Sommer 1966 mit einer Reise nach Warschau und Moskau klargemacht. Damals hielt Polens Parteichef Wladyslaw Gomulka eine flammende Rede, in der er die DDR als Bollwerk gegen den "westdeutschen Revanchismus" pries.

Ostblock

Vor allem dank Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und Frankreichs Außenminister Robert Schuman war früh ein Brückenschlag mit Frankreich geglückt, auch das schon beinahe ein Wunder. Aber Frankreich gehörte zum Westen, Polen war eingebunden in den Warschauer Pakt. Für die Bonner Politik handelte es sich weniger um ein Land mit Opfern deutscher Aggression, sondern um einen Mosaikstein im gleichgeschalteten Ostblock. Hinzu kam, dass Schlesien, Hinterpommern und das südliche Ostpreußen nun polnisches Staatsgebiet waren, aber weder CDU/CSU noch SPD sich eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze vorstellen konnten. Erste Schritte zu einer wirklichen Annäherung wagten einige führende Köpfe des Protestantismus Ende der 1950er Jahre bei Evangelischen Kirchentagen. Ihr erstes "Tübinger Memorandum" aus dem Jahr 1961 wandte sich gegen eine nukleare Aufrüstung und plädierte für eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Neben Carl Friedrich von Weizsäcker, dem spiritus rector der Denkschrift, hatten weitere Prominente unterzeichnet. Kurz zuvor war die Mauer durch Berlin errichtet worden, zwei Jahre darauf, 1963, hielt Egon Bahr (SPD) seine berühmte Tutzinger Rede, in der er "Wandel durch Annäherung" als Formel für das neue Ost-West-Verhältnis empfahl. Der DDR jagte schon der Gedanke einen Schrecken ein, in Polen hingegen ging die Saat auf.

Grenzfragen

1965 gab der polnische katholische Episkopat seine berühmte Erklärung an die Deutschen ab mit dem bemerkenswerten Kernsatz, "wir vergeben und bitten um Vergebung". Ein Sturm der Entrüstung erhob sich in Polen - Vergebung für was? Flucht und Vertreibung der Deutschen waren bis dahin beschwiegen worden. Ihre moralische Wucht gewann die Botschaft aber rasch, weil die "Bringschuld" bei der Versöhnung zweifellos die Deutschen hatten. Halbherzig, geradezu reserviert klang die Antwort der deutschen Bischöfe, in der sie vor einer Grenzanerkennung zurückzuckten. Als "Antwort" darauf, erinnert sich Richard von Weizsäcker, hätten die Protestanten die Ostdenkschrift der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) im selben Jahr zwar nicht gedacht, "komplementär" aber sollte sie durchaus sein. Der damalige Kirchentagspräsident zählte zu den Mitautoren. Die brisante Botschaft hieß, nicht die Forderung nach der deutschen Wiedervereinigung habe Priorität, Einheit könne nur die Folge eines Ausgleichs mit den östlichen Nachbarn sein. Schlagartig veränderte dies die Perspektive: Nicht die "deutsche Frage", die "polnische Frage", und also Europas Aussöhnung, rückte ins Zentrum. "Wir mussten Brandt und Bahr doch schubsen", hat Weizsäcker dazu später gesagt, vor einer Grenzanerkennung zuckte selbst Brandt zurück. Seine Ostvertragspolitik seit 1969 nahm diese Hürde. Brandt erklärte: "Wir nehmen die Ergebnisse der Geschichte an." Warschau reagierte pikiert darauf, dass bei den Verhandlungen dennoch "der Schlüssel in Moskau liegt", wie Bahr es formulierte. Die Grenzfrage wurde zudem nur vorbehaltlich eines Friedensvertrags geregelt. Aus deutscher Sicht nahm sich das anders aus: Weizsäcker wollte gegen die widerstrebenden Unionsparteien den Warschauer Vertrag als Herzstück der Ostpolitik im Parlament retten. Schließlich gelang das auch, nicht zuletzt mit seiner Hilfe. Sämtliche Ostverträge passierten - denkbar knapp - das Parlament.

Vergebung

Chiffre für den unumkehrbaren Schritt zur Aussöhnung aber wurde nicht der deutsch-polnische Vertrag, sondern Willy Brandts (SPD) Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettos im Dezember 1970. Seine stumme Geste nahm die Vision eines Ostwesteuropa ohne Mauer vorweg. Wir bitten um Vergebung! In der Bundesrepublik lehnte eine Mehrheit die Geste ab. Weil ein "Revanchist" auf den Knien dem Feindbild zuwiderlief, erlaubte die polnische Zensur nicht, dass Bilder davon veröffentlicht wurden. Ermöglicht aber hatten den Kniefall zuvor viele Wegbereiter, Eisbrecher, Brückenbauer - Schriftsteller, Journalisten, Theologen darunter, und manche Offiziere außer Dienst. Zur ersten Versöhnungsgeneration hierzulande zählten beispielsweise Klaus von Bismarck, Peter Bender und Marion Gräfin Dönhoff, aber auch Günter Grass mit seiner "Blechtrommel" und seinem Engagement für Polen. Ähnlich verhielt es sich auf polnischer Seite, es kristallisierte sich eine kleine, einflussreiche "deutsche Fraktion" heraus, die verblüffend unbefangen zuhörte, den Ausgleich suchte und zur "Entfeindung" beitrug, wie Brandt das nannte.

Auf Augenhöhe

Auf dieser Plattform konnte dann 1970 Edward Gierek aufbauen, als er dem glücklosen Gomulka an der Parteispitze nachfolgte. Der flexible Technokrat öffnete Warschaus Politik nach Westen. Junge Polen nutzten die neue Möglichkeit, durch Europa zu reisen - besonders nach Westdeutschland, wo sie erstaunt registrierten, wie viel Resonanz das erwachende kulturelle und intellektuelle Polen fand: Leszek Kolakowski, Stanislaw Lem oder Andrzej Wajda. Brandts Nachfolger im Kanzleramt, Helmut Schmidt (SPD), verstand sich blendend mit dem "Reformer" Gierek, dem Pragmatiker aus dem schlesischen Kattowitz. Ob es um Wirtschaftshilfe, gemeinsame Schulbücher oder Arbeits- und Ausreisemöglichkeiten für Deutschpolen ging, locker spielten sie sich die Bälle zu. Bei der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Helsinki 1975 demonstrierte Schmidt den versammelten West- und Osteuropäern, dass er Gierek auf Augenhöhe ernst nimmt. Grenzen in Europa durften künftig nur noch friedlich und im wechselseitigen Einverständnis verändert werden. Zudem garantierte die Schlussakte der KSZE, von Bonn inspiriert, Menschen- und Minderheitenrechte, auf die sich auch Warschauer kritische Geister fortan berufen konnten.

Eintracht herrschte zwischen Schmidt und Gierek auch in der Hinsicht, dass sie sich beide Reformen im Einflussbereich Moskaus nur von oben herab vorstellen konnten. Auch ihre Skepsis gegenüber allzu viel Mitsprachewünschen von "unten" ganz generell verband sie, das sollte bis in die unruhigen 1980er Jahre mit Friedensbewegung da und der freien Gewerkschaft Solidarnosc dort noch Folgen tragen. Was heißt es unter dem Strich? So weit wie Frankreich und die Bundesrepublik gelangten Warschau und Bonn bis Ende der 1970er Jahre mit ihrer Aussöhnung zwar noch nicht. Aber eine tragfähige Basis für den Alltag der Nachbarn im geteilten Europa war immerhin gefunden: auch das ein kleines Wunder.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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