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MARTIN PATZELT
Juliane Fiegler
Wir dürfen keine Osteuropa-Politik ohne Polen machen

Der CDU-Bundestagsabgeordnete wünscht sich mehr Wertschätzung für die polnischen Nachbarn und würdigt ihren "wahnsinnigen Fleiß"

Herr Patzelt, vor vier Jahren sind Sie Ehrenbürger der polnischen Stadt Slubice geworden. Wie sieht eine gute Zusammenarbeit zwischen zwei Städten, die durch eine Ländergrenze getrennt sind, aus?

Als Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder) habe ich damals versucht, die Polen kennen zu lernen. Ich denke, nur durch die Frage "Warum?" kann man eine Kultur wirklich verstehen. Das hat eine gute Grundlage für die Zusammenarbeit geschaffen. Wir haben gemeinsam Projekte entwickelt, zum Beispiel ein Jugendorchester, eine Seniorenakademie, Kindertagesstätten und ein Gymnasium. Ich habe auch ein Kompetenzzentrum mit polnischen und deutschen Mitarbeitern auf den Weg gebracht. Ich hätte damals noch gerne viele andere Projekte umgesetzt, zum Beispiel eine Straßenbahn, die über die Grenze fährt, aber das war noch nicht realisierbar.

Heute sitzen Sie nicht nur für die Stadt Frankfurt (Oder) als CDU-Abgeordneter im Bundestag, sondern auch für den Landkreis Oder-Spree. Wo liegen Schwerpunkte der regionalen Zusammenarbeit?

Mein Wahlkreis Frankfurt (Oder) - Oder-Spree ist Teil der Euro-Region Viadrina. Die Region hat ein bestimmtes Budget, um in verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Miteinanderlebens - etwa in der Kultur, bei der Umwelt, im Sport, in der Verwaltung - Projekte gemeinsam zu entwickeln. Das kann von einer Begegnung bis zu gemeinsamen Institutionen oder planerischen Vorhaben mit wirtschaftlichem Nutzen, wie einem Brücken- oder Straßenbau, alles sein. Das geht nicht immer konfliktfrei, man muss erst aufzeigen, dass ein Projekt sowohl deutsche als auch polnische Interessen vertreten würde.

Welche Rolle spielen Sie dabei noch als Bundestagsabgeordneter?

Meine Rolle ist derzeit eher die ein Außenstehenden, denn mein Einfluss als Parlamentarier ist nicht unbedingt messbar. Aber ich bemühe mich darum, in Diskussionen hineinzukommen und Projekte zu befördern - das alles aber mit einer gewissen Zurückhaltung, weil ich eben nur unterstützend wirke. Wenn aber deutsch-polnische Veranstaltungen in Frankfurt stattfinden, werde ich immer wieder eingeladen. Hier und da gebe ich auch mal meinen Rat - wenn er erwünscht ist.

Haben Sie noch andere Regionen Polens außer der um Slubice besucht?

Die Hochzeitsreise habe ich damals mit meiner Frau per Anhalter durch Polen gemacht - bis nach Krakau. Aber auch sonst war ich schon immer an Polen interessiert. Als Jugendlicher war ich mit dem Motorrad in Kattowitz unterwegs, seitdem war ich auch schon im Gebirge wandern, zum Urlaub an der Ostsee oder zum Paddeln in den Masuren. Mir war es auch wichtig, meinen Kindern die schlesische Heimat meiner Eltern zu zeigen.

Wie schätzen Sie denn die aktuelle deutsch-polnische Beziehung ein?

Ich meine schon, dass die Bundesregierung einen ganz guten Draht zu Polen hat. Wichtig ist nur, dass wir die historischen Erfahrungen und die daraus erwachsenen Befindlichkeiten der Polen nie außer Acht lassen und deshalb wichtige Dinge, etwa in der Ukraine-Krise, gemeinsam besprechen. Ich denke, dass sich Polen in letzter Zeit ein bisschen von uns alleine gelassen gefühlt hat. Wir müssen dem Land zu verstehen geben, dass es gehört wird. Allgemein stehen Deutschland und Polen aber als gutes Beispiel für Versöhnungsarbeit.

Wo werden in Zukunft die größten Herausforderungen in der deutsch-polnischen Beziehung liegen und woran müssen wir besonders arbeiten?

Auch wenn wir manchmal unterschiedliche politische Standpunkte vertreten, sollten wir die Polen nicht übergehen. Allgemein dürfen wir keine Osteuropapolitik ohne Polen machen. Differenzen müssen ausdiskutiert werden. So bringen wir den Polen eine Wertschätzung entgegen. Eine weitere Herausforderung wird wohl die Ökologie sein. Wir können Polen nicht zwingen, auf ein geplantes Atomkraftwerk zu verzichten. Auch hier müssen wir miteinander daran arbeiten, dass Atomenergie für Polen verzichtbar wird. Außerdem müssen beide Länder weiterhin Vorurteile und Klischees aufarbeiten und gegen den Rechtsradikalismus vorgehen. Wir müssen die Geschichte gemeinsam aufarbeiten und die Zukunft gemeinsam gestalten.

Was können wir von den Polen lernen?

Lernen können wir vom wahnsinnigen Fleiß der Polen. Der rührt wohl daher, dass sie im Gegensatz zu uns nie große Subventionen bekommen haben. Um ihre Familien zu ernähren, stechen sie heute noch bei uns Spargel aus. Sozialhilfe und Arbeitslosengeld liegen in Polen nach wie vor unter dem EU-Durchschnitt. Die Polen müssen hart arbeiten, um gut zu leben. Zum anderen sehen wir aber auch, dass die Polen viel mehr Freude am öffentlichen und gemeinschaftlichen Leben haben. So gesellig zu sein und so zu feiern wie die Polen, das können wir in Deutschland leider nicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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