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Susanne Kailitz
Doppelstadt mit Doppelbürgern

frankfurt/SLUBICE Auf beiden Seiten der Oder wächst die Gemeinsamkeit. Von der Grenze ist fast nichts mehr zu merken

Vermutlich ist Sören Bollmann so etwas wie der Prototyp des Slubfurter Bürgers. Slubfurt, das ist eine Konstruktion des Kulturwissenschaftlers Michael Kurzwelly, erdacht vor mehr 15 Jahren. Damals dachte man auf beiden Seiten der Oder darüber nach, wie ein Zusammenwachsen von Frankfurt (Oder) und Slubice gelingen könnte. Kurzwelly ersann die fiktive Stadt, in der Deutsche und Polen ganz gleichberechtigt zusammenleben, er bietet Stadtführungen an und hat ein Parlament wählen lassen. Das Projekt begeisterte so sehr, dass es von der Kulturstiftung des Bundes gefördert wurde, die Bundeszentrale für politische Bildung verlieh Kurzwelly einen Preis.

Heimat

Was der Kulturwissenschaftler vor vielen Jahren erdachte, ist längst nicht mehr nur Vision. An vielen Stellen bilden Frankfurt (Oder) und Slubice heute tatsächlich eine Doppelstadt - mit Doppelbürgern wie Sören Bollmann. Der 44-Jährige bewegt sich dies- und jenseits der Staatsgrenze mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass er über die Frage, welchen Teil der Stadt er als seine Heimat betrachte, kurz nachdenken muss. "Eindeutig beide", sagt er dann, "ich führe ein deutsch-polnisches Leben in einer deutsch-polnischen Doppelstadt."

Bollmann, studierter Deutschlehrer und Kommunikationstrainer, wurde in Duisburg geboren und lebte in Belgien, Frankreich und Polen, bevor es ihn vor 14 Jahren nach Frankfurt (Oder) verschlug. Er blieb und machte, inzwischen mit einer Polin verheiratet, das Projekt Doppelstadt zu seinem persönlichen Anliegen. Heute leitet er das Frankfurt-Slubicer Kooperationszentrum, dass das Zusammenwachsen beider Städte koordiniert.

Slubice, mit knapp 17.000 Einwohnern und einer Fläche von nicht ganz 20 Quadratkilometern, und Frankfurt (Oder), mit knapp 59.000 Einwohnern und rund 148 Quadratkilometern, knüpfen dabei an vergangene Zeiten an: Bis 1945 war Slubice als Dammvorstand ein Stadtteil von Frankfurt (Oder). Die Potsdamer Konferenz besiegelte die Teilung der Stadt.

Heute bemüht man sich um ein Zusammenwachsen beider Teile. Eine fast 600 Meter lange Brücke verbindet die beiden Stadtteile, irgendwo dazwischen mitten in der Oder verläuft die Staatsgrenze. Nachdem die Grenzanlagen seit dem Wegfall der Grenzkontrollen 2007 immer weiter abgebaut wurden und im vergangenen Jahr gänzlich verschwunden sind, hat sich der Eindruck, man befinde sich dies- und jenseits der Oder in ein und derselben Stadt, weiter verstärkt.

Die beiden Stadtverwaltungen forcieren das. Im Jahr 2009 wurden auf der Frankfurt-Slubicer Zukunftskonferenz 2020 insgesamt 24 strategische Ziele für die "Vision Frankfurt & Slubice 2020" niedergeschrieben. So soll es eine gemeinsame abgestimmte Stadtentwicklung geben, eine gemeinsame Wirtschaftsförderung und Arbeitsmarktpolitik, Kultureinrichtungen, die von beiden Seiten genutzt werden, und eine abgestimmte Sportinfrastruktur.

Das wohl sichtbarste Zeichen der Zusammenarbeit aber ist ein anderes: Seit Dezember 2012 verbindet Buslinie 983 die Schwesterstädte. Studenten der Viadrina nutzen ihn, um zwischen Wohnheimen und Veranstaltungsräumen hüben wie drüben zu pendeln, die Shopping-Touristen fahren damit in die Nähe des Basars. Möglich wurde das auch mit viel Pragmatismus: Um die gemeinsame Linie ins Leben zu rufen, wurde Slubice einfach zum Tarifgebiet "Frankfurt B" erklärt. Jetzt kann jeder, der will, für 2,80 Euro den ganzen Tag unterwegs sein. Das wird genutzt: Rund 1.000 Fahrgäste pro Tag zählt die Stadtverkehrsgesellschaft Frankfurt.

Doch bei allem, was schon erreicht wurde: Noch immer sei das Verhältnis von Deutschen und Polen nicht wirklich auf Augenhöhe, sagt Sören Bollmann. Noch immer werde Slubice zu häufig als kleiner, unterlegener Partner wahrgenommen. "Das liegt natürlich an den immer noch sehr starken wirtschaftlichen Unterschieden. Auch wenn Polen in den vergangenen Jahren eine gute Entwicklung genommen hat, liegen die Einkommen noch immer deutlich unter denen in Deutschland." Diese Tatsache verhindert auch, dass beide Städte eine einfache Lösung für ein gemeinsames Problem finden: Während in Slubice in den vergangenen Jahren kaum gebaut wurde und vor allem Wohnraum für Familien knapp ist, hat Frankfurt mit massivem Wohnungsleerstand vor allem in seinen alten Plattenbauten zu kämpfen. "Aber die meisten Polen können sich das Wohnen auf der deutschen Seite nicht leisten", so Bollmann, "und die, die es können, erwarten für ihr Geld einen besseren Standard als den, den sie in den für uns billigen Platten bekommen."

Mit den unterschiedlichen Einkommen gehen auch gravierende Preisunterschiede einher - was viele deutsche Schnäppchentouristen ebenso zu schätzen wissen wie jene, die in Frankfurt wohnen. Täglich kommen Hunderte zum Shoppen über die Grenze - egal, ob in die eher triste "Galeria Slubice", wo man sich für wenig Geld die Haare schneiden lassen kann, oder auf den berühmten Basar am Slubicer Stadtrand, auf dem es von Tiernahrung bis zu Duschköpfen alles gibt.

"Zigaretten, Alkohol, Benzin", antwortet Tabea Kuhlmann daher auch wie aus der Pistole geschossen auf die Frage, was "drüben" denn deutlich billiger sei. Die 25-Jährige lebt seit einigen Monaten in Frankfurt (Oder), zog für ihr Studium hierher. Obwohl sie das erst gar nicht wollte: "Eigentlich hatte ich vor, in Berlin zu wohnen - einfach weil die Stadt attraktiver ist. Aber dann habe ich festgestellt, dass ich nicht 15 Stunden pro Woche in der Bahn sitzen will." Rund die Hälfte der Viadrina-Studenten schätzt zwar die heimelige Atmosphäre an der kleinen Uni, lebt aber lieber im gut eine Stunde Fahrt entfernten Berlin. Kuhlmann hält das inzwischen für unnötig. Sie lebt gemeinsam mit 30 anderen jungen Leuten aus insgesamt acht Ländern im "Verbündungshaus Fforst", einem studentischen Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, Frankfurt (Oder) zu beleben. Dafür renovierte man einen alten Plattenbau direkt an der Oder und organisiert immer wieder Veranstaltungen, die Menschen aus Slubice und Frankfurt (Oder) zusammenbringen. Die Stadt sei viel schöner, als ihr schlechtes Image es suggeriere, sagt die Studentin. Und ärgert sich über die vielen Kommilitonen, "die außer dem Weg vom Bahnhof zum Vorlesungsgebäude nie etwas davon sehen und nie auf der polnischen Seite waren".

Trotzdem sei die Viadrina "ein Leuchtturm", wenn es um das Zusammenwachsen der beiden Städte gehe, sagt Sören Bollmann. Die Hochschule betreibt gemeinsam mit der Universität Posen das Collegium Polonicum in Slubice und vergibt alljährlich den Viadrina-Preis an Menschen, die sich um die deutsch-polnische Verständigung verdient gemacht haben.

Dass man damit am besten schon im ganz jungen Alter beginnt, haben auch viele Bewohner der Doppelstadt bemerkt. Seit 1997 gibt es neben der Europa-Uni in Frankfurt (Oder) auch eine Euro-Kita. Dort werden fast 60 deutsche und polnische Kinder gemeinsam betreut, von Erziehern, die sowohl deutsch als auch polnisch sprechen. Das Motto der Kita lautet "Kindheit ohne Grenzen" - und weil genau das viele Eltern für ihren Nachwuchs wollen, sind die Wartelisten für einen Platz in der Einrichtung lang. Abhilfe soll ab September die Kita "Pinokio" schaffen, als Pendant auf der polnischen Oderseite. Früher war es noch nötig, dass polnische Eltern und Kinder eine Sondergenehmigung des Bundesgrenzschutzes bekamen, um die langen Schlangen am Grenzübergang umgehen zu können. Seit dem Schengener Abkommen ist das Pendeln zwischen den Stadtteilen einfacher geworden. Und wenn Bus Nummer 983 demnächst wie geplant auch eine Haltestelle in "Pinokio"-Nähe bekommt, sind die Hürden jedenfalls für Eltern noch kleiner.

Doch ein Problem bestehe nach wie vor, sagt Sörgen Bollmann: "die Sprachbarriere". Nur acht Prozent der Frankfurter Schüler sprechen polnisch, während auf der polnischen Seite 68 Prozent der Schüler Deutsch lernen. "In Slubice ist das ab der siebten Klasse Pflicht - und natürlich wird von polnischer Seite gelegentlich gefragt, warum wir das nicht auch machen." Bollmann und sein Team setzen aber lieber auf Freiwilligkeit als auf Zwang. Der überzeugte Doppelstädter ist optimistisch: "Wir hoffen, dass wir in drei Jahren für alle deutschen Schüler, die das wollen, ein gutes Polnisch-Angebot haben werden."

Die Autorin ist freie Journalistin in Dresden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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