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Peter Stützle
Die Atomkraft als Option

Energie Polen will seine Abhängigkeit von Energieimporten aus Russland verringern

Polens Energiepolitik hat, neben dem international vereinbarten Klimaschutz, vor allem ein Ziel: Die Abhängigkeit von Importen aus Russland zu verringern. Dabei ist diese gar nicht so groß. Strom wird fast ausschließlich aus heimischer Stein- und Braunkohle erzeugt, nur rund 30 Prozent der Energie wird importiert, verglichen mit EU-weit über 50 Prozent. Allerdings deckt Polen seinen Bedarf an Öl und Gas zu rund 90 beziehungsweise 65 Prozent aus russischen Lieferungen.

Das Gefühl, diese Abhängigkeit verringern zu müssen, wurde durch den Bau der Nord-Stream-Gaspipeline von Russland durch die Ostsee direkt nach Deutschland verstärkt. Man war nicht nur verärgert, von Deutschland und Russland wie schon öfter in der Geschichte übergangen worden zu sein. Nord-Stream verschlechterte auch die Verhandlungsposition gegenüber den russischen Lieferanten. Früher konnte Polen als Transitland, durch das die Druschba-Ölpipeline und die Yamal-Gaspipeline läuft, vernünftige Preise aushandeln, jetzt zahlt es mehr als westliche Länder.

Energieunion gefordert

Einen möglichen russischen Lieferstopp wegen der Ukraine-Krise muss Polen weniger fürchten als viele andere europäische Länder. Gas kann inzwischen auch durch Pipelines aus dem Westen und Süden fließen, ein Flüssiggas-Terminal in Swinemünde steht kurz vor der Fertigstellung, und auch Öl lässt sich anderswoher beziehen. Dennoch hat Ministerpräsident Donald Tusk in den letzten Monaten nachdrücklich eine europäische Energieunion gefordert: Eine EU-Agentur sollte für alle russisches Gas und Öl einkaufen und so günstigere Bedingungen aushandeln können. Dass Jean-Claude Juncker dies in der Rede vor dem Europaparlament anlässlich seiner Wahl zum EU-Kommissionspräsidenten am 15. Juli aufgriff, ist in Warschau sicher gut angekommen.

Zufrieden ist man auch, dass die EU-Kommission in ihren Vorschlägen zum Klimaschutz vom Januar den Mitgliedsstaaten weitgehend freie Hand lassen will, wie sie die angestrebte Reduzierung von Treibhausgasen um 40 Prozent bis 2030 erreichen. Bestärkt sieht sich Polen auch dadurch, dass die EU-Kommission in ihren Klimazielen die Atomkraft als eine Option genannt hat. Die Regierung bekräftigte daraufhin ihr Kernenergieprogramm. Demnach soll das erste Atomkraftwerk 2025 nahe Danzig in Betrieb gehen und zehn Prozent des Strombedarfs decken, mindestens ein weiteres soll folgen. Innenpolitische Widerstände gibt es nicht. Als weitere CO2-freie Energiequellen sollen die "Erneuerbaren" ausgebaut werden. Im April hat das Kabinett in Warschau den Entwurf eines Erneuerbare-Energien-Gesetzes verabschiedet, das Investoren langfristige Preissicherheit bieten soll.

Vor allem aber setzt Polen auf CO2-Reduzierung bei der fossilen Stromerzeugung. Im Kohlekraftwerk Belchatow entsteht die erste CCS-Anlage, mit der Kohlendioxid aus dem Abgas abgeschieden und unterirdisch gelagert werden soll.

Außerdem will Polen Erdgas verstärkt im eigenen Land fördern. Dazu will man Schiefergas-Vorkommen mithilfe der Fracking-Technologie ausbeuten. Nach anfänglicher Euphorie hat sich allerdings herausgestellt, dass die geologischen Bedingungen schwieriger sind als erwartet. Das dürfte die Schiefergas-Förderung verteuern, aufhalten jedoch nicht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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