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Ulrich Krökel
Fragiler Frieden

GESELLSCHAFT Polen geht es wirtschaftlich blendend. Aber die politischen und sozialen Gegensätze sind nach wie vor groß

Es dauerte keine Stunde, dann war die Liste der Warschauer Verkehrsbetriebe voll. Ende Juli lud das Unternehmen Bürger und Besucher der Stadt zum Tag der offenen Tür in die neu gebaute Metrostation Swietokrzysko ein, was so viel heißt wie Heiligkreuz. Doch weil der Platz unter der Erde begrenzt ist, mussten sich Interessenten anmelden - und überfluteten das Internetportal der Verkehrsbetriebe mit Anfragen.

"Wir Warschauer nehmen teil an allem, was um uns herum geschieht", sagt Krzysztof Kaminski, der mit seiner Anmeldung zu spät kam und stattdessen oberirdisch den Baufortschritt bestaunt. "Wir wollen immer wissen, was wann wo und sogar warum etwas gebaut wird", erklärt der Lehrer mit einem hintersinnigen Lächeln, das von einer großen Portion des berühmten polnischen Humors zeugt. Die Menschen in diesem historisch so leidgeprüften Land lieben es, die Welt philosophisch zu hinterfragen. Wer, was, wo, warum? Sicher ist, dass in Warschau gebaut wird.

Der abgeschrägte Eingang in den Untergrund wirkt, als wollte er sich in den langen Schatten des nahen Kulturpalastes ducken. Diktator Josef Stalin ließ den monumentalen Bau nach dem Zweiten Weltkrieg zum Zeichen sowjetischer Dominanz im Osten Europas errichten. Mächtige Quader aus Sandstein türmen sich auf und tragen weit oben eine gewaltige Spitze, die 231 Meter hoch über Warschau thront.

Glitzernde Fassaden

Die Polen hätten das architektonische "Monster" nach der friedlichen Revolution von 1989 am liebsten abgerissen. Doch das Land und seine Hauptstadt waren in den 1990er Jahren nah am Bankrott. Ein Abriss war viel zu teuer. Und so geschah etwas Eigentümliches. Die Warschauer freundeten sich mit dem ungeliebten Riesen an, der heute außer einem Kongressaal für rund 3.500 Besucher auch ein Schwimmbad, mehrere Theater und Kinos, Cafés, Kneipen und diverse Museen beherbergt. "Wir lieben den Palast nicht, aber er ist da, und das ist gut so", sagt Kaminski. Statt sich an dem Stalinturm abzuarbeiten, bauten die Warschauer neu und rahmten den Riesen ein. Ein gutes Dutzend moderner Wolkenkratzer reckt sich inzwischen in den Himmel über der Hauptstadt. Hinter den glitzernden Fassaden finden sich Nobelhotels, Luxusapartments und Unternehmenszentralen. In dieser Umgebung ist der Kulturpalast nur noch ein architektonisches Augenzwinkern. Klar wird hier: Die Zeit der kommunistischen Volksrepublik liegt nicht nur 25 Jahre zurück. Sie ist in Geist und Materie überwunden. Warschau boomt, wie viele andere Städte in Polen auch. Voran marschiert die Messe- und Wissenschaftsstadt Posen im Westen, die von ihrer Nähe zu Deutschland und vor allem zu Berlin profitiert. Doch Breslau, Danzig und Krakau scheinen ebenfalls vor Ehrgeiz und Energie zu explodieren.

Allerorten entstehen neue repräsentative Gebäude wie der 205 Meter hohe "Sky Tower" in Breslau. Vor allem aber ist mittlerweile eine moderne Infrastruktur entstanden. Es gibt noch Lücken und Defizite, aber Polen und seine Städte sind aus Europas Ökonomie nicht mehr wegzudenken. Der "World Investment Report 2014" der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) führt das Land in einer Weltrangliste der begehrtesten Investitionsstandorte auf Platz elf.

Hohe Wachstumsraten

Polen ist zur östlichen Herzkammer der europäischen Wirtschaft geworden. Seit der Jahrtausendwende und erst recht seit dem EU-Beitritt 2004 verzeichnet das Land ein Dauerwachstum mit Zuwachsraten bis zu 6,8 Prozent (2007). Selbst im weltweiten Rezessionsjahr 2009 blieb ein beachtliches Plus von 1,7 Prozent, während alle anderen EU-Staaten Konjunktureinbrüche verzeichneten. Im Sommer 2014 beschreibt die britische Zeitschrift "Economist", die für ihre Länderstudien berühmt ist, Polen als "prosperierend, friedlich, geeint und einflussreich". Es gehe dem Land so gut wie zuletzt unter der Herrschaft der Jagiellonen im 16. Jahrhundert. Damals beherrschten die polnischen Könige weite Teile des östlichen Europas. Strebt Polen tatsächlich einem "neuen goldenen Zeitalter" zu, wie der "Economist" es ankündigt? In Warschau scheint auf den ersten Blick alles dafür zu sprechen, auch der Ausbau der U-Bahn.

Nicht weit entfernt vom Kulturpalast beginnt in der Altstadt die Trasse des alten Königswegs. Er führt hinaus zur Sommerresidenz Wilanów, die Johann III. Sobieski im 17. Jahrhundert errichten ließ, der "Retter von Wien". Der polnische König verteidigte damals das christliche Abendland erfolgreich gegen den Angriff der Türken. Doch Sobieski war zugleich der letzte starke Herrscher, bevor das Land in eine Dauerkrise stürzte und schließlich von seinen imperialen Nachbarn Preußen, Österreich und Russland im 18. Jahrhundert geteilt wurde.

Heute ist Polen wieder im Herzen der westlichen Staatengemeinschaft angekommen. Der Sobieski-Stadtteil Wilanów gilt als Wohnort einer gut betuchten, aufstrebenden Mittelschicht. Zwischen Kindergärten, Feinkostmärkten und Privatkliniken wächst ein weiteres Warschauer Monument in den Himmel: der Tempel der Göttlichen Vorsehung, der Polens neue Nationalkirche werden soll. Der mächtige Kuppelbau, der in seiner Wucht durchaus an den Kulturpalast erinnert, geht auf Pläne aus dem Jahr 1792 zurück, die wegen der Teilungen auf Eis gelegt werden mussten.

Nach 1989 bekannte sich das katholische Land mit seinen mehr als 90 Prozent Gläubigen wieder zu dem Tempel. Gleichwohl ist es die Religion, die den notorischen politischen Streit im postsozialistischen Polen grundiert. Weltanschauliche Dauerkonflikte lassen Zweifel aufkommen an jener Einheit des Landes, die der "Economist" konstatiert. Immer wieder kochen Kontroversen über die Abtreibung, künstliche Befruchtung und die Homosexuellen-Ehe hoch - etwa als Friedensnobelpreisträger Lech Walesa im Jahr 2013 forderte, schwule Abgeordnete im Sejm "hinter eine Mauer zu verbannen".

Walesa, der Polen in den 1980er Jahren in die Freiheit führte, ist ein schillerndes Beispiel für die Probleme, die das Land bei dem Bemühen hat, Tradition und Moderne miteinander zu versöhnen. Immer wieder prescht der tiefgläubige Solidarnosc-Held mit Thesen vor, die das Wirtschaftswunderland in seinem Selbstverständnis in Frage stellen. Walesa lässt sich von funkelnden Fassaden nicht blenden. "Die Macht des Mammons bedroht uns", erklärt er.

Im Parlament offenbart sich der Grundkonflikt des modernen Polen im Dauerzwist zwischen der rechtsliberalen Bürgerplattform (PO) des Ministerpräsidenten Donald Tusk und der nationalkonservativen PIS von Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski wider. Die PO ist die Partei der aufstrebenden Mittelschicht. Tusk, der seit sieben Jahren regiert, verkörpert auch persönlich den Erfolg des Landes. Als erster Premier seit 1989 wurde er für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Doch der machtbewusste Regierungschef und vor allem seine Partei gelten als technokratisch und kaltherzig. Es ist keineswegs ausgemacht, dass die PO im Superwahljahr 2015 mit Parlaments- und Präsidentenwahlen erneut triumphiert.

Kaczynski versteht es durchaus, die Herzen vieler traditionsbewusster Polen zu erwärmen. "Dies ist ein Land der Reichen, das all jenen gibt, die schon viel haben", sagt er. Vor allem im bäuerlich geprägten strukturschwachen Osten des Landes hört man solche Töne gern. Die Modernisierungsverlierer sind potenzielle Kaczynski-Wähler. Das gilt auch für die weltanschaulich weniger konservative Jugend. Zumindest können Tusk und die PO nicht mehr sicher sein, die Stimmen der jungen Wähler einzusammeln, die sich im ökonomischen "Rattenrennen" aufreiben oder wegziehen. "Meine beiden Söhne studieren in London", erklärt etwa Lehrer Kaminski.

Viele Fragezeichen

"Rattenrennen" ist in Polen ein gängiger Begriff für den Konkurrenzkampf in der wenig sozialen Marktwirtschaft des Landes. Etwa jeder zehnte Beschäftigte arbeitet auf der Basis sogenannter Müllverträge ohne soziale Absicherung. 90 Prozent von ihnen sind unter 35 Jahre alt. Das ist ein Alter, in dem sich Auswege bieten. Viele junge Leute, oft die besten Köpfe, suchen seit Jahren den Weg ins Ausland. Zwei Millionen Polen haben ihre Heimat seit dem EU-Beitritt verlassen.

Bei genauerem Hinsehen stehen also durchaus Fragezeichen hinter der euphorischen Beschreibung des "Economist". Ja, Polen blüht auf, aber um den (sozialen) Frieden und die Einheit des Landes ist es nicht allzu gut bestellt. Auch mit dem Einfluss auf europäischer Bühne ist es eine zweischneidige Sache. Keine Frage: Die Worte von Tusk und seinem Außenminister Radoslav Sikorski haben in Berlin und Brüssel Gewicht. Doch solange Polen nicht der Eurozone angehört, bleibt die Macht begrenzt. Die Einführung der Gemeinschaftswährung hat Tusk zuletzt auf "das Jahr 2020 oder später" verschoben.

Gründe dafür gibt es genug. Seit gut einem Jahr knirscht es im Konjunkturgetriebe. Da kann der heimische Zloty wichtige Dienste leisten. Er gilt durch die Möglichkeit der Abwertung als Wachstumsgarant. Zudem haben die europabegeisterten Polen, die den EU-Beitritt zu 85 Prozent für eine Erfolgsgeschichte halten, durch die Euro-Krise das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung verloren. Vor dem Superwahljahr 2015 will Tusk deshalb nichts riskieren. Das könnte sich als Fehler erweisen. Denn wenn die 25-jährige Geschichte des postsozialistischen Polen etwas gezeigt hat, das es zu beweisen galt, dann dies: Selten gewinnen jene, die nichts wagen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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