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Susanne Kailitz
Ganz unauffällig erfolgreich

ZUWANDERUNG Polnische Migranten stellen die zweitgrößte Gruppe der in Deutschland lebenden Ausländer. Ihre Integration verläuft problemlos und vorbildlich. Vor allem Berlin ist zum Magneten für viele Polen geworden

Als Katja Früh vor 13 Jahren zum ersten Mal nach Berlin kam, verliebte sie sich unsterblich. In die Stadt, die ihr in ihrer Vielfalt und Buntheit "atemberaubend" erschien. "Die polnischen Großstädte erschienen mir dagegen provinziell und viel zu homogen im Vergleich."

Nach dem Abschluss ihres Studiums der Wirtschaftswissenschaften in Posen und Oxford beschloss Früh 2005, in ihre Traumstadt zurückzukehren. Die politische Entwicklung sei ihr damals sehr zu gute gekommen, erinnert sich die heute 33-Jährige. "2001, als ich den ersten Sommer in Deutschland verbracht habe, durfte ich als Polin keiner Arbeit nachgehen und habe als Babysitterin gejobbt, um ein bisschen zu verdienen. 2005 kam ich als EU-Staatsangehörige." Parallel zu einem Aufbaustudium an der Humboldt-Universität fand Früh einen Job bei einer Eventagentur - "für die waren meine guten Englischkenntnisse damals viel wichtiger als mein holpriges Deutsch", erinnert sie sich.

Heute ist Früh mit einem Deutschen verheiratet und lebt in Dresden, wo sie sich als Unternehmensberaterin selbstständig gemacht hat. Sie hat sich auf die Vermittlung von Personal aus Polen nach Deutschland spezialisiert. Deutsch spricht sie inzwischen akzentfrei - und gehört damit zu der großen Gruppe gut ausgebildeter und perfekt integrierter Polen, die in Deutschland ihr Glück gefunden haben.

So unauffällig leben die Migranten hier, dass es eine große Überraschung gab, als im Mai 2013 die vorläufigen Ergebnisse der Volkszählung "Zensus 2011" veröffentlicht wurden: Bei 13,1 Prozent lag der Anteil der Menschen mit polnischem Migrationshintergrund - eigentlich war man von deutlicher weniger ausgegangen. Nach dem Mikrozensus leben rund 1,53 Millionen Menschen polnischer Herkunft in Deutschland, andere Schätzungen gehen von bis zu zwei Millionen aus. Weil ein großer Teil von ihnen als so genannte Spätaussiedler eingewandert ist und einen deutschen Pass besitzt, ist formal nur die Hälfte von ihnen Ausländer. Die Polen sind damit nach den Türken die zweitgrößte Gruppe der in Deutschland lebenden Ausländer.

Kein neues Phänomen

In der Integrationsdebatte aber kommen sie kaum vor. Die Polen würden im allgemeinen als so gut integriert gelten, dass sie nicht im Sinne von Integrationsproblemen auffallen würden, heißt es in einer Analyse des Instituts für Auslandsbeziehungen. Manche von ihnen hätten "ihre Herkunft sozusagen unter den Teppich gekehrt - teilweise aus eigenem Integrationswillen, teilweise aufgrund des verspürten Assimilationsdrucks. Weder ihre zumeist deutschen Namen noch ihr Aussehen oder ihre Religion sind auffällig."

Das kann auch Witold Kaminski bestätigen. Er berät für den Polnischen Sozialrat seit mehr als 30 Jahren in Berlin Zuwanderer. Sich unauffällig in der Gesellschaft zu bewegen, sei Teil der polnischen Mentalität, sagt er. "Sie werden es vor allem unter den Einwanderern, die in den 1980er-Jahren gekommen sind, kaum erleben, dass die auf der Straße polnisch sprechen. Viele Kinder haben die Erfahrung gemacht, dass es was auf die Schnauze gab, wenn sie es trotzdem taten. Und so sprechen die Familien draußen entweder gar nicht oder deutsch."

Dabei ist die polnische Einwanderung im großen Stil kein neues Phänomen: Schon Ende des 19. Jahrhunderts, als Polen in drei Teile aufgeteilt war, die unter österreichischer, russischer und preußischer Herrschaft standen, zogen viele Menschen aus den Ostprovinzen Preußens vor allem in das Ruhrgebiet. Sie sprachen polnisch und fühlten sich als Polen - und wurden als "Ruhrpolen" bezeichnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieben viele ehemalige Zwangsarbeiter und Häftlinge, die nicht in den sowjetischen Einflussbereich zurückkehren wollten und für die unter alliiertem Druck der Status des "heimatlosen Ausländers" geschaffen wurde, der sie in ihren Rechten den deutschen Staatsangehörigkeiten nahezu gleich stellte.

"Exodus Poloniae"

Seit Mitte der 1950er-Jahre kamen dann diejenigen, die heute unter den polnischsprachigen Einwanderern die größte Gruppe bilden: Menschen aus den ehemals deutschen Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie. Schließlich kamen jene, die der schlechten ökonomischen Lage in Polen entfliehen wollten und dafür die Erleichterungen nutzten, die mehrere deutsch-polnische Abkommen über Familienzusammenführungen und eine liberale Zuwanderungspolitik mit sich brachten. Zwischen 1970 bis Ende der 1980er Jahren haben so rund eine Million Bürger Polens ihr Land verlassen, um sich in Deutschland anzusiedeln. Experten sprechen dabei von einem "Exodus Poloniae".

Heute kommen vor allem Polen, die sich als EU-Bürger fühlen und die Freiheiten nutzen, die ihnen die Europäische Union bietet. Für viele sei vor allem Berlin ein Magnet, weiß Witold Kaminski, "weil die Stadt nicht weit von Zuhause entfernt ist, aber als besonders attraktiv wahrgenommen wird".

Viele, mit großer Motivation und guter Ausbildung, würden ihr Glück hier finden, sagt Katja Früh. Doch auch ihr sind Vorurteile nicht fremd, auf beiden Seiten. In Deutschland gelte sie als Ausländerin, "die für eine Polin ausgezeichnet deutsch spricht" und immer beweisen müsse, dass sie ihren Mann nicht wegen seines Status', sondern aus Liebe geheiratet habe, und anders als angenommen nicht aus einer Familie von Alkoholikern stamme. Und auch in Polen sei sie fremd. "Für viele bin ich eine Verräterin, die ihre Heimat verleugnet hat. Eine, die sich für ein bequemes Leben im Ausland entschieden hat und immer im Verdacht steht, sich für überlegen zu halten."

Dass das Verhältnis von Deutschen und Polen noch nicht auf Augenhöhe ist, weiß auch Witold Kaminski. Noch immer sei es mangels staatlicher Unterstützung für viele gut ausgebildete Polen schwer, einen angemessenen Job zu finden; noch immer verorte man hierzulande Polen eher als Spargelstecher, Putzfrauen oder Handwerker, die schwarz und preiswert Bäder fliesen würden. "Nicht alle finden hier ihren Platz. 26.000 Polen in Berlin beziehen Hartz-IV-Leistungen, das sind meist Aufstocker, die von ihrem Einkommen nicht leben können - meist weil sie die Sprache nicht vernünftig sprechen." Gäbe man ihnen die Chance, gut hier anzukommen und ihre Qualifikationen einzusetzen, "würden davon alle profitieren", glaubt Kaminski.

Wenig bekannt ist hierzulande auch, was für eine gute Entwicklung der Nachbarstaat im Osten in den vergangenen Jahren genommen hat. Das sieht auch Katja Früh ganz deutlich. Der deutsche Arbeitsmarkt sei deshalb inzwischen für Polen längst nicht mehr so attraktiv wie früher. "Der polnische Arzt oder Informatiker verdient seit geraumer Zeit in Polen nicht weniger als in Deutschland. Und auch die anderen Berufsgruppen verlassen nur selten ihre Heimat, um ein paar Euro mehr zu verdienen." Dabei sei der deutsche Arbeitsmarkt immer häufiger auf das gut qualifizierte Personal jenseits der Grenze angewiesen - die Konditionen entsprächen dem aber noch immer nicht. Das bemerke sie häufig bei der Personalvermittlung "Oft möchte der Gastronom in Deutschland einen Spitzenkoch aus Polen für das Gehalt einer Küchenhilfe einstellen. Und in seiner eigenen Vorstellung tut er ihm damit einen Gefallen."

Die Autorin ist freie Journalistin in Dresden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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