Inhalt

Susanne Kailitz
Über Autodiebe und Nationalstolz

Künstler Die beiden Comedians Steffen Möller und Marek Fis arbeiten sich an deutsch-polnischen Vorurteilen ab - jeder auf eine eigene Art

Liebe gilt gelegentlich als Krankheit - und so gesehen hat Steffen Möller eine ganz offensichtlich ansteckende Liebeserklärung verfasst. Sein Buch "Viva Polonia" erschien zunächst in Polen und dort stießen die Beobachtungen des "deutschen Gastarbeiters in Polen" auf riesige Begeisterung. An eine deutsche Ausgabe dachte Möller zunächst nicht. Er habe geglaubt, dass ein Buch über Polen in Deutschland niemanden interessieren würde, "weil ich in Polen nicht viele deutsche Touristen erlebt habe, die sich wirklich für Polen interessieren". Die meisten würden deutsche Wurzeln in Schlesien oder Masuren suchen oder seien auf den Spuren deutscher Verbrechen.

In den Startlöchern

Das aber habe nicht gestimmt: "Ich hatte nach der Veröffentlichung von Viva Polonia und etwa 2.000 Mails und Briefen den Eindruck, dass sehr viele Leute geradezu in den Startlöchern gesessen haben, weil sie ein harmloses, positives Polen kennenlernen wollen. Fast noch mehr Angst als vor den polnischen Autodieben haben die Leute anscheinend vor den traurigen Assoziationen, die in den allermeisten Polen-Büchern wiederholt werden." Er habe deshalb versucht, ein paar positive Eindrücke dagegen zu setzen.

Möller liebt seine zweite Heimat und er kennt sie gut. 1994 zog der Wuppertaler nach Warschau. Dort arbeitete er erst als Deutschlehrer, dann als Kabarettist. Von 2002 bis 2007 spielte er in einer ausgesprochen beliebten Fernsehserie einen deutschen Kartoffelbauern, moderierte populäre Shows - und gilt inzwischen sowohl in Polen als auch in Deutschland als Experte für deutsch-polnische Angelegenheiten. Möller spießt Vorurteile auf beiden Seiten genüsslich auf, um sich dann an ihnen abzuarbeiten.

Er sagt, Polen und Deutsche würden ganz unterschiedlich auf Witze über ihre Mentalität reagieren. "Die Polen sind geübter darin, über sich selbst zu lachen. Sie beschäftigen sich generell viel mehr mit ihrer Mentalität als die Deutschen, weil sie an einem gehörigen Minderwertigkeitskomplex leiden." Die Distanz zum eigenen Land gehöre in Polen zum guten Ton - während Polska als pathetische Idee nicht kritisiert werden dürfe und wegen seiner vielfältigen Leidensgeschichte bis zum letzten Blutstropfen verteidigt werden müsse. "Sobald ein Ausländer kommt und irgendwas kritisiert, wird er mit dem Besen aus der Wohnung gejagt. Aber dann gibt es noch das reale Polen, den realen Staat, die realen Parteien, Fußballclubs und Produkte. An denen lässt man kein gutes Haar und hier darf der Ausländer mitlästern." In Deutschland empfinde er es genau umgekehrt, sagt Möller, "auch wir haben einen Minderwertigkeitskomplex, aber der bezieht sich nur auf Deutschland als Idee". Geschichte, Fahne, Nationalhymne und Patriotismus seien - abgesehen vom Fußball - diskreditiert. "Sobald es aber um den realen Staat und seine Errungenschaften geht, Grundgesetz, Mercedes, VW, Krankenversicherung - dann sind alle begeistert, da hört der Spaß auf." Eine Pole, der aus dem Urlaub zurück nach Hause komme, seufze im Flugzeug "Oh nein, jetzt geht der Wahnsinn wieder los." Der Deutsche reibe sich die Hände: "Endlich wieder Normalität."

Möller pendelt inzwischen zwischen Warschau und Berlin. Fünf Jahre lang ist er ausschließlich in Polen aufgetreten. Nachdem das ganze Land seine Witze gekannt habe, sei er zwischen 2008 und 2012 durch Deutschland getourt und habe die gleichen Witze noch einmal erzählt. Inzwischen arbeitet Möller an einem neuen Buch über zwei polnische Großstädte - und will auch darin mit Klischees aufräumen und ein bisschen provozieren: Anders als die meisten findet Möller nämlich Krakau über- und Warschau unterschätzt.

Mit solchen vergleichsweise harmlosen Provokationen gibt sich ein anderer Künstler, der sich auf das deutsch-polnische Verhältnis spezialisiert hat, eher nicht ab. Marek Fis wurde im polnischen Leba in Hinterpommern geboren und kam mit fünf Jahren nach Deutschland. Er geht im roten Polska-S-Shirt und grauer Jogginghose auf die Bühne - und lässt in seinen Programmen "Ein Pole legal in Deutschland" und "Baustelle Europa - ein Pole packt ein/aus!" kein Vorurteil aus. Sein Publikum begrüßt er gern mit der Ansage, es sei schön, jetzt auch mal die Gesichter zu den Autos zu sehen.

Das Lachen im Hals

Fis, der eigentlich Wojciech Oleszczak heißt und nur auf der Bühne mit polnischem Akzent spricht, hat einmal angekündigt, er werde dem ersten deutschen Beamten, der seinen bürgerlichen Namen nur vom Hören korrekt schreiben könne, 500 Euro zahlen. Er finde Stereotpye nicht schlecht, sagt er, man dürfe sie aber nicht zu ernst nehmen. Deshalb halte er den Menschen mit Humor den Spiegel vor. Dass seinen Zuschauern das Lachen manchmal im Hals stecken bleibt, ist gewollt - etwa wenn er sie auffordert, den Namen seines polnischen Heimatdorfes zu wiederholen und dann feststellt: "Typisch. Billig Kippen kaufen, aber nicht wissen, wo." Insgesamt aber, da ist sich Fis sicher, erlebe das deutsch-polnische Verhältnis die beste Zeit, die es je gegeben habe.

Nur für das Verhältnis der beiden Künstler gilt das wohl nicht. Auf die Frage, ob ein gemeinsames Programm denkbar sei, antwortet Steffen Möller: "Ja, aber erst, wenn Beatles und Rolling Stones das erste gemeinsame Konzert gemacht haben."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag