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Dieter Bingen
Mal Feind, mal Freund

GESCHICHTE Die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen waren über Jahrhunderte sehr wechselhaft

Deutsche und Polen sind nicht nur Nachbarn Tür an Tür, sie sind seit über 1.000 Jahren eng miteinander verwoben. Auf die vielen Jahrhunderte einer Nachbarschaft mit engster Verflechtung legte sich "erst" seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert ein großer Schatten.

Polens Staatsbildung im 10. Jahrhundert verbindet sich mit dem ersten namentlich bekannten Herrscher Mieszko aus dem Geschlecht der Piasten. Mieszko ließ sich 966 taufen - nach dem römischen Ritus, nicht dem byzantinischen. Die polnischen und römisch-deutschen Herrscher suchten schon bald den Kontakt zueinander. So fand der Beginn der deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte in einem - um es mit einem Bild der Gegenwart zu beschreiben - "deutschen Staatsbesuch in Polen" seinen symbolischen Niederschlag. Im Jahre 1.000 reiste der erst 19-jährige römisch-deutsche Kaiser Otto III. nach Gnesen, traf hier den polnischen Herzog Boleslaw I. Chrobry (der Tapfere), den er symbolisch krönte, erhob den Gastgeber zum "Bruder und Mitarbeiter des Reiches", und huldigte dem von den heidnischen Pruzzen im Jahr 997 erschlagenen Märtyrer Adalbert.

Heiratsverbindungen festigten die Beziehungen. So heiratete Chrobrys Sohn Mieszko II. eine Nichte des deutschen Kaisers, die somit polnische Königin wurde. Polen war wenige Jahrzehnte nach seinem Eintritt in die Geschichte Europas bereits fester Bestandteil der europäischen Staatenwelt. Handelsbeziehungen, die sich rasch intensivierten, beschleunigten den Austausch von Waren, Menschen und Ideen insbesondere auch zu den deutschen Nachbarn.

Auf Einladung von polnischen Herrschern, die das Ziel verfolgten, die agrarische Produktion in bisher siedlungsarmen Landschaften zu intensivieren und das Städtenetz auszubauen, vollzog sich bereits seit dem 12. Jahrhundert der so genannte "ostmitteleuropäische Landesausbau", oft auch "deutsche Ostkolonisation" genannt, obschon diese Bezeichnung falsche Vorstellungen weckt. Die zehntausende angeworbenen Bauern und Handwerker wurden mit rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Privilegien ausgestattet. Nach deutschem Recht wurden zahlreiche Städte gegründet. Diese deutsche Siedlung war eine ökonomische, rechtliche und kulturelle Leistung, von der Deutsche, Polen und andere im Königreich siedelnde Ethnien profitierten. Zu der Wirtschaftsentwicklung trug die Zuwanderung von Juden insbesondere auch aus Deutschland bei, wo sie seit dem Ende des 11. Jahrhunderts in immer mehr Städten pogromartiger Verfolgung ausgesetzt waren, während sie in Polen von den Herrschern willkommen geheißen wurden. Insbesondere von dem letzten Piastenkönig Kazimierz III., der Große (Regierungszeit von 1333 bis 1370), wurde die Ansiedlung von Juden gefördert.

Der innere Landesausbau konnte jedoch äußere Bedrohungen nicht aufhalten: Die Mongolen fielen nach der Niederringung des Großfürstentums Kiev in Polen ein. Die Niederlage eines polnisch-deutschen Heeres unter dem Piastenherzog Heinrich II. dem Frommen auf der Walstatt bei Liegnitz im April 1241 fand in polnischen und in deutschen Geschichtsbüchern Erwähnung. Die Deutsche Bundespost und die Polnische Post widmeten dem Ereignis aus Anlass seiner 750. Wiederkehr 1991 eine gemeinsame Briefmarke. Das piastisch regierte Schlesien schied 1339/53 aus dem polnischen Staatsverband aus und wurde als Teil Böhmens mittelbar Bestandteil des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation.

Expansiver Ritterorden

Eine weitere Bedrohung Polens kam aus dem Norden: Verheerende Einfälle der heidnischen Pruzzen veranlassten Herzog Konrad I. von Masowien zu einem Hilferuf an den 1198 im Heiligen Land gegründeten Deutschen Ritterorden. Dem versprach er 1230 das Kulmer Land. Ursprünglich zum Kampf gegen die Heiden gerufen, wuchs der Orden zu einem souveränen Militärstaat und zu einem zivilisatorischen Faktor im Landesausbau heran. Von den piastischen Fürsten wurde er als eine Gefahr für die nördlichen Provinzen Polens wahrgenommen. So stellte die vertragswidrige Besetzung Pommerellens mit Danzig durch den Orden (1308) nur die erste große Auseinandersetzung zwischen der polnischen Krone und dem Ordensstaat dar, dessen Expansionsdrang ein vereintes polnisch-litauisches Heer 1410 in der Schlacht von Grunwald ein Ende setzte. Grunwald/Tannenberg wurde in Polen lange Zeit zum Sinnbild eines dauerhaften deutsch-polnischen Gegensatzes stilisiert, obwohl der Deutsche Orden gar nicht Teil des römisch-deutschen Reiches war.

Einen erneuten Krieg mit dem Orden entschied Polen nach 13 Jahren mit dem Zweiten Thorner Frieden (1466) für sich. Es gewann Pommerellen mit Danzig, das Kulmer und Michelauer Land, Thorn, Elbing und die Marienburg, das so genannte königliche (= polnische) Preußen. Das östliche Preußen mit Königsberg verblieb dem Deutschen Orden als polnisches Lehen. 1525 leistete der für die Reformation gewonnene letzte Hochmeister Albrecht von Brandenburg-Ansbach gegenüber dem polnischen König den Lehenseid und erhielt als weltlicher Herzog das bisherige Deutschordensgebiet, das nunmehrige Herzogtum Preußen, zum Lehen. 1618 fiel es an Brandenburg und musste 1657 im Vertrag von Wehlau von Polen ganz aufgegeben werden. Für die nächsten Jahrhunderte wurde Brandenburg-Preußen dem Königreich Polen zu einer schicksalhaften Herausforderung.

Die Entscheidung, nach dem Aussterben der auf die Piasten folgenden Dynastie der Jagiellonen im Mannesstamm (1572) eine Wahlmonarchie einzurichten und den gesamten Adel zur Wahl zuzulassen, führte zur Schwächung der königlichen Macht und beschleunigte die Ausprägung einer extrem adelsrepublikanischen Staatsform. Das seit 1652 respektierte Recht eines jeden Abgeordneten des Adels, mit seinem Einspruch den Reichstag beschlussunfähig zu machen, erleichterte den an einer Schwächung Polens interessierten Nachbarmächten die Einflussnahme.

Die Schwäche des Staates, die Stärke der Magnaten und die destruktive Einflussnahme der Nachbarn wurden unter August III. (1733-63) aus dem sächsischen Herrscherhaus der Wettiner so bedrohlich, dass sich im Lande die Überzeugung von der unabdinglichen Reform der Adelsrepublik Bahn brach. Die Auseinandersetzungen um Staatsreformen boten Russland und Preußen Gelegenheit zur Einmischung. Zarin Katharina II. ließ sich von der preußischen Diplomatie dazu bewegen, 1771 eine Teilungsvereinbarung mit Preußen zu treffen und 1772 Österreich in diese einzubeziehen. Das innenpolitisch zerrissene und militärisch wehrlose Polen verlor 1772 über ein Viertel seines Staatsgebiets und ein Drittel seiner Bevölkerung an die drei Teilungsmächte.

Die andauernde Bedrohung von außen und der Schock der Teilung setzten Polen unter noch größeren Reformdruck. Ein "Vierjähriger Sejm" (1788-92) verabschiedete am 3. Mai 1791 die erste geschriebene Verfassung Europas, die einer konstitutionellen Erbmonarchie den Weg ebnen sollte. Katharina die Große unterstützte die Adelsreaktion gegen die Mai-Verfassung und intervenierte mit einer 100.000 Mann starken Armee. Ein preußisch-russischer Teilungsvertrag besiegelte die zweite Teilung Polens 1793. Nach dem Zusammenbruch eines Volksaufstands im Oktober 1794 wurde der kaum noch lebensfähige polnische Rumpfstaat 1795 zum dritten Mal geteilt und Polen verschwand für 123 Jahre von der politischen Landkarte Europas.

Große Sympathien

Für Polen begann der Aufbruch Europas ins 19. Jahrhundert, das "nationale Zeitalter", mit der schmerzhaften Erfahrung des Verlustes staatlicher Selbständigkeit. Nach der kurzzeitigen Wiedergeburt eines Großherzogtums Warschau von Napoleons Gnaden (1807) wurde auf dem Wiener Kongress 1815 ein aus den polnischen Zentralgebieten gebildetes "Königreich Polen" (Kongresspolen) aus der Taufe gehoben, das auf ewige Zeiten durch eine Personalunion mit Russland verbunden sein sollte. Der russische Zar war jetzt zugleich König von Polen. Die repressive Politik von Zar Nikolaus I. löste in Kongresspolen den Novemberaufstand von 1830/31 aus, der blutig niedergerungen wurde.

In ganz Europa, vor allem aber in Deutschland, hegten weite demokratisch gesinnte Kreise große Sympathien für die Polen. Unzählige Polengedichte und Polenunterstützungsvereine entstanden. Auf dem Weg in die Emigration nach Frankreich wurden zehntausende Polen in Mittel- und Südwestdeutschland freundlich empfangen. Das Hambacher Fest im Frühjahr 1832 wurde zum Sinnbild einer kurzzeitigen "Polenbegeisterung". Als nach 1848 die Bildung eines deutschen Nationalstaats zum Ideal großer Teile der liberalen Eliten wurde, ging die propolnische Orientierung in Deutschland verloren, da sich nun polnische und deutsche Nationalidee mit gegenseitigen Gebietsansprüchen unvereinbar gegenüberstanden.

Nach der kleindeutschen Einigung 1871 verstärkte sich der Druck auf die polnischen Bürger im preußischen Teilungsgebiet Polens, der seinen stärksten Ausdruck im Kulturkampf der Behörden gegen die Polen und Katholiken sowie in dem Versuch fand, den polnischen Anteil in der "Provinz Posen" durch Ansiedlung von Deutschen zurückzudrängen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es an staatlichen Schulen in Preußen praktisch keinen polnischsprachigen Schulunterricht mehr. Ein anderes Element der Entwicklung im deutsch-polnischen Verhältnis war die starke Migration von Polen aus allen polnischen Teilungsgebieten nach Oberschlesien und in das Ruhrgebiet. So war das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen am Ende des 19. Jahrhunderts von gegensätzlichen Tendenzen gekennzeichnet: von intensiven Transfers und Verflechtungen und von einer antipolnischen Repressionspolitik. Auf Unterstützung aus Deutschland für seine Freiheits- und Unabhängigkeitsbestrebungen konnte Polen jedenfalls nicht hoffen. Die staatliche Wiedergeburt erfolgte erst nach der Niederlage der drei Kaiserreiche im November 1918.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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