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Jahrestag
Adam Krzeminski
In Zeiten der Teufelspakte

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg

Der 1. September 1939, der Tag des deutschen Überfalls auf Polen, ist in Deutschland ein bedingter Gedenktag. In der Bonner Republik war dieser Beginn des Zweiten Weltkrieges lange Zeit nur kurze Zeitungsnotizen wert. Noch 1989 - anlässlich des 50. Jahrestages - verhinderte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) einen Besuch von Bundespräsident Richard von Weizsäcker auf der Danziger Westerplatte, weil er das Zeichen eines Neuanfangs in den deutsch-polnischen Beziehungen für sich selbst reservieren wollte - und das sollte nicht der Geschichte, sondern der Zukunft zugewandt sein. Kohl hat dieses Zeichen zwei Tage nach der Öffnung der Berliner Mauer mit dem Friedensgruß von Kreisau setzen können. Seine Umarmung mit Polens erstem nichtkommunistischen Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki sollte neben die Ikone von Willy Brandts Kniefall in Warschau gestellt werden als ein Sinnbild für die Versöhnung und die - in der europäischen Zeitgeschichte beispiellose - deutsch-polnische Interessengemeinschaft. Zum ersten Mal bildeten Deutschlands Einheit und Polens Freiheit keinen existentiellen Gegensatz. Bereits im August 1989 erklärten Sejm-Abgeordnete der Solidarnosc das Recht der Deutschen auf Wiedervereinigung, während sich das 1990 vereinte Deutschland als "Anwalt" der polnischen Bemühungen um die Einbindung in die westlichen Strukturen sah.

Blindstelle

Der "Feldzug in Polen" 1939 blieb allerdings im Geschichtsbewusstsein vieler Deutscher wohl eher ein Kavaliersdelikt als ein nagender Gewissensbiss. Bereits die Nazi-Propaganda verweigerte dem Überfall auf Polen die Qualität eines Krieges unter gleichberechtigten Gegnern. Vor 1989 wurde er durch die Wunde der Oder-Neiße-Grenze und der Nachkriegsvertreibungen der Deutschen überlagert, in der DDR dagegen durch das Prisma der stalinistischen Geschichtsdeutung gebrochen, nach der der Zweite Weltkrieg eigentlich erst mit dem Überfall auf die Sowjetunion begann.

Noch die heiß diskutierte "Wehrmachtsausstellung" von 1995 begann mit dem "Unternehmen Barbarossa" im Jahre 1941. Die Schau ignorierte den deutschen Überfall auf Polen als einen Sündenfall, obwohl ein Jahr zuvor Bundespräsident Roman Herzog in seiner Warschauer Rede eindeutig gewesen war: "Es erfüllt uns Deutsche mit Scham, dass der Name unseres Landes und Volkes auf ewig mit dem Schmerz und dem Leid verknüpft sein wird, die Polen millionenfach zugefügt wurden", sagte Herzog damals. "Ich bitte um Vergebung für das, was ihnen von Deutschen angetan worden ist." In Polen war diese Erwiderung auf den bahnbrechenden Satz der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder von 1965 - "Wir vergeben und bitten um Vergebung" - auch als Ergänzung zum stummen Kniefall Willy Brandts lange erwartet worden.

Trotz eindrucksvoller Reden - wie von Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 oder Bundeskanzlerin Angela Merkel am 1. September 2009 auf der Westerplatte - wird der "polnische Aspekt" des Zweiten Weltkrieges in Deutschland häufig ausgeblendet. Und trotz der vorhandenen einschlägigen Literatur über die Besatzungspolitik gibt es keinen deutschen Spielfilm, der etwa den Alltag der "Herrenmenschen" bei der "Germanisierung" des besetzten Polen thematisiert. Und wenn schon ein Fernsehdreiteiler wie "Unsere Mütter, unsere Väter" polnische Episoden aufnimmt, dann strotzen sie von Klischees und Desinteresse für die reale Verortung der Handlung.

Einen der Gründe für diese Verdrängung konnte man in diesem "Jahr der Jahrestage" 2014 aus einer Bemerkung des Historikers Ernst Nolte heraushören, der gegenüber dem "Spiegel" erklärte, dass man "den Anteil der Polen und der Engländer" am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges "stärker gewichten muss". Der Überfallene also sei an seinem Schicksal selbst schuld, weil er die legitimen deutschen Interessen einer Revision des ungerechten Versailler Vertrages nicht beachtet und stur auf die britischen Garantien gesetzt habe?

Dieses "Geschichtsfeeling" scheint heute mit der veränderten Wahrnehmung des Jahres 1914 in der deutschen Öffentlichkeit zusammenzuhängen. Wenn alle Hauptschuldigen damals Schlafwandler oder Zocker waren, dann kann man die Deutschen auch für den Aufstieg Hitlers nur bedingt verantwortlich machen. "Das gilt dann ebenso für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, weswegen es ungerecht sei, ihnen zur Strafe für immer die Ostgebiete wegzunehmen", skizzierte der Politikwissenschaftler Herfried Münkler in der "Süddeutschen Zeitung" diese Selbstabsolution. Er selbst hält nichts von der These, dass die Verinnerlichung der deutschen Kriegsschuld gehütet werden müsse als eine Errungenschaft, weil sie auch Brandts Ostpolitik ermöglichte. Schuld, führte Münkler aus, sei eine moralische beziehungsweise religiöse Kategorie und keine politiktheoretische; die Bundesrepublik habe die deutsche Ostgrenze anerkannt, der politische Einfluss der Vertriebenenverbände sei dahingeschmolzen. "Führen wir also eine wissenschaftliche und keine geschichtspolitische Debatte!"

Eine wertfreie Geschichtswissenschaft gibt es aber nicht. Sie hat immer irgendeine "geschichtspolitische" Note ihrer Zeit. Und eben das monierten der Historiker Heinrich-August Winkler und sein jüngst verstorbener Kollege Hans-Ulrich Wehler im Streit mit Christopher Clark und Herfried Münkler um die Frage der Verantwortung für den Kriegsausbruch im Sommer 1914.

Für einen Historikerstreit darüber, welche Politiker im Sommer 1939 schlafwandelten oder sich verzockten, ist die Aktenlage indes zu eindeutig. Es war Hitlers Krieg - und Stalins. Beide wollten ihn, wie das geheime Zusatzprotokoll des "Teufelspaktes" belegt, den die Außenminister Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow am 23. August 1939 unterzeichneten. Dennoch gibt es paradoxerweise sowohl in Deutschland als auch in Polen manche merkwürdige publizistische Verrenkungen, diesen Teil der Geschichte auch heute noch zu vernebeln.

In Polen wirkt der Schock des 1. September 1939 bis heute nach. In der nationalkonservativen Ecke wird immer wieder an alternativen Szenarien gebastelt, wie Warschau die Katastrophe hätte vermeiden können. Hätte Polen Hitlers "großzügiges Angebot" annehmen sollen, auf polnische Ansprüche in Danzig und wahrscheinlich auch auf den "Korridor" verzichten und dann an der Seite Deutschlands sein Glück im Krieg gegen Stalins Sowjetunion suchen sollen? Derartige "political fiction", Romane und polemische Essays wie Potr Zychowicz' Bestseller aus dem Jahr 2012 "Der Ribbentrop-Beck-Pakt", mit dem Polen angeblich dem Hitler-Stalin-Pakt hätte vorbeugen können, füllen inzwischen ein kleines Bücherbord. Wirklichkeitsflucht als Befreiung von einer Geschichtsneurose? Wenn ja, dann ist es keineswegs nur eine polnische Spezialität.

Eine ähnliche Selbsttherapie verpasst sich auf der deutschen Seite Stefan Scheil mit seiner der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zufolge "in der Tendenz revisionistischen" Biographie Ribbentrops aus dem Jahr 2013. Hitlers Außenminister ist darin zwar kein Schlafwandler, aber doch ein Zocker, der sein Spiel mit der gewieften Kriegspartei in England verlor. Diese wollte demnach das erstarkende Deutschland einhegen, und mit den unheilvollen Garantien für Polen stellte London Warschau einen Blankocheck aus. Noch am 2. September 1939 sei Hitler bereit gewesen, sich aus Polen zurückzuziehen, wenn ein neues München zustande gekommen wäre. Fassungslos sei er gewesen, als ihm dann am 3. September Großbritannien den Krieg erklärte. Kurzum: Ein Zeugnis diesmal deutscher Geschichtsneurose.

In diesem Jahr der Jahrestage steht der Sommer 1939 im Schatten anderer Sommer - der Julikrise 1914, der Demontage des Ostblocks 1989 und der EU-Osterweiterung 2004. All diese Jahrestage sind von einer gegenwärtigen Krise in der Ukraine überlagert. Auf dem Kiewer Euromaidan ließen sich zeitlich verschoben Züge der ostmitteleuropäischen Revolution 1989 erkennen, ein Votum für den Westkurs des Landes, für die funktionierende EU und gegen eine nebulöse, von Moskau dirigierte Euroasiatische Union. In der russischen Annexion der Krim und in dem in der Ostukraine von Moskau geschürten Krieg kann man eine Wiederauflage der alten imperialen "Arrondierung" Russlands sehen, die die Zaren im 18. und 19. Jahrhundert ebenso wie Stalin 1939 und 1945 verfolgten.

Bei allen historischen Analogien, die in diesem Jahr bemüht werden: Geschichte ist kein Kochrezept, die Antworten auf aktuelle Krisen sind nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart und Zukunft zu suchen. Auch Russland sollte endlich begreifen, dass die Zeiten der Teufelspakte, der "Feldzüge" in sperrigen Nachbarländern sowie papiernen Kriegserklärungen vorbei sind.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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