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SOLARENERGIE
Jakob Schlandt
Stolpersteine für Investoren

Wie es nach der Reform des EEG weitergeht und warum trotz günstiger Speicher der Markt schrumpft

Wenn Henrik Bumiller einen Wunsch an die Politik frei hätte, dann wäre es folgender: „Endlich mehr Konstanz.“ Die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), die am 1. August in Kraft getreten ist, bringt dagegen vor allem „wieder mehr Verunsicherung“ für ihn und seine Kunden. Der Chef der Bumiller Neue Energien, einem Berliner Unternehmen, dass auf den Vertrieb von Photovoltaik-Equipment spezialisiert ist, hat wie fast alle in der Branche schwere Zeiten hinter sich und musste zahlreiche Jobs abbauen. „Das war ein harter Einschnitt“, sagt er. Die Leistung der neu gebauten Photovoltaikkraftwerke brach deutschlandweit von rund 7,5 Gigawatt in den Jahren 2010 bis 2012 auf 3,3 Gigawatt im vergangenen Jahr ein.

Bumiller konnte das Geschäft auf niedrigerem Niveau stabilisieren und blickt wieder einigermaßen zuversichtlich in die Zukunft. Vielen anderen in der Solarbranche ist das nicht gelungen. Bosch stieg wie Siemens aus dem Solargeschäft aus und verramschte seine teuer zusammengekauften Beteiligungen, der Berliner Modulhersteller Solon wurde ebenso wie Q-Cells aus Sachsen-Anhalt in die Insolvenz gezwungen. Die Zahl der Arbeitsplätze in der Branche hat sich seit 2012 halbiert und liegt bei unter 60.000. Der deutsche Weltmarktanteil bei der Neuinstallation ist auf rund fünf Prozent geschrumpft – von einst mehr als 50 Prozent.

Die jüngste Reform hat dabei noch gar nicht gegriffen. Schon im ersten Halbjahr 2014 wurde nur noch gut ein Gigawatt Kapazität in Deutschland angeschlossen, meldet die Bundesnetzagentur. Das ist fast die Hälfte weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Politik wollte die EEG-Kosten einhegen, und nach mehreren Kürzungsrunden ist die Vergütung für Solarstrom durch das EEG von knapp 40 Cent pro Kilowattstunde im Jahr 2009 auf knapp 13 Cent in diesem Sommer gesunken.

Vergütung wird gelockert Die Reform des EEG soll den Ausbau der Solarenergie nun dauerhaft in einen engen Korridor zwischen 2,4 und 2,6 Gigawatt Neubau pro Jahr zwingen. Die Daumenschraube wurde allerdings etwas gelockert: Immerhin wurde die monatliche Absenkung der Vergütung bei Erreichen des Zielkorridors von einem Prozent auf 0,5 Prozent reduziert. Doch die EEG-Vergütung ist so niedrig, dass sie nur noch eine absichernde Rolle hat. Entscheidend ist es, den Strom selbst zu nutzen, beobachtet unter anderem die vom koreanischen Hanwha-Konzern zuletzt erfolgreich weitergeführte Q-Cells. „Wir schätzen, dass in Deutschland etwa zwei Drittel aller Anlagen inzwischen auf Eigenverbrauch ausgelegt sind“, sagt Oliver Beckel, bei Hanwha Q-Cells zuständig für Public Affairs. Freiflächenanlagen, die allein mit der Einspeisung ins Netz Geld verdienen, werden inzwischen kaum noch gebaut.

Etwa 40 Prozent des produzierten Stroms können Haushalte und Kleingewerbe sofort selbst nutzen, wenn sie ihren Verbrauch optimieren. Das heißt zum Beispiel, das Staubsaugen oder die Wäsche vom Abend in die Mittagszeit zu verlegen. Die Mühe lohnt, denn die Versorger verlangen in der Regel knapp 30 Cent pro Kilowattstunde. Der „Gewinn“ ist mehr als doppelt so hoch wie bei der Abgabe ins Stromnetz.

Mit Batterie-Speichern kann der Eigenverbrauchs-Anteil noch einmal deutlich erhöht werden. Aber das ist teuer. Ab etwa 6.000 Euro gibt es Blei-Akkumulatoren, für eine moderne, langlebige Lithium-Ionen-Batterie muss man das Doppelte ausgeben. Als Faustregel gilt in der Branche, dass sich für ein Einfamilienhaus mit einem Fünf-Kilowattstunden-Akku der Eigenverbrauch auf über 60 Prozent treiben lässt. Unterm Strich steht dennoch meist nur eine schwarze Null. Das steht laut Bumiller aber oft gar nicht im Mittelpunkt: „Man möchte vielmehr abgesichert sein gegen weitere Strompreissteigerungen und auch der Autarkie-Gedanke spielt eine große Rolle.“

Umstrittene Sonnensteuer Tendenziell fallen die Akku-Preise jedoch weiter, die Strompreise steigen hingegen. In einigen Jahren könnten die Batteriespeicher auch für spitz rechnende Verbraucher und Gewerbe richtig interessant werden. Deutet sich da ein starkes Comeback für die Photovoltaik an? Wohl eher nicht – und hier kommt das neue EEG mit Macht ins Spiel. Mit Inkrafttreten des Gesetzes gilt die umstrittene „Sonnensteuer“, die bei Grünen und den Linken auf besonders viel Kritik gestoßen ist. Anlagen ab einer Leistung von 10 Kilowatt, die ab dem 1. August dieses Jahres in Betrieb gegangen sind, müssen sich nach und nach mit bis zu 40 Prozent an der EEG-Umlage beteiligen. Das würde derzeit rund 2,5 Cent pro Kilowattstunde ausmachen – ein entscheidender Nachteil. Neben kleinen sind nur alte Anlagen und komplett vom Stromnetz unabhängige Systeme ausgenommen.

Auch technische Anforderungen und Bürokratie vermiesen vielen den Spaß am Stromerzeugen. Um das Stromnetz in Krisensituationen zu entlasten, müssen Anlagen entweder vom Netzbetreiber fernabgeschaltet werden können oder ihre Leistung wird auf 70 Prozent begrenzt. „Angesichts der vielen regulatorischen Eingriffe ist die Hürde für eine Investition schon gestiegen“, sagt Beckel von Hanwha-Q-Cells. „Im Zweifel ist die Devise: Das ist mir zu kompliziert, dann lasse ich es.“ Weitere Fallstricke werden derzeit noch aufgebaut. Sigmar Gabriels Energieministerium arbeitet an einer Reform der Netzentgelte. Mögliches Ergebnis könnte die Umstellung auf eine Flatrate für den Stromnetzanschluss sein – ein Nachteil für Eigenerzeuger.

Und mit der von der EU-Kommission vorangetriebenen Einführung von intelligenten Stromzählern („Smart Meter“) könnte ein weiterer Stolperstein hinzukommen. In dem vom Wirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen Roll-Out-Plan ist vorgesehen, dass schon Kleinstanlagenbetreiber ab 250 Watt Leistung einen besonders teuren Smart Meter einbauen müssen, der die Anlage auch steuern kann.

Auch die Aussichten für den Markt der „Großen“ sind unsicher. Ab 2017 sollen die fest planbaren Zahlungen aus dem EEG auf Wunsch der EU abgeschafft werden. 2015 und 2016 soll es Probeausschreibungen von großen Solarkraftwerken geben, immerhin bis zu 600 Megawatt pro Jahr. Doch um die Regeln wird noch gerungen, obwohl schon nächstes Jahr die Aufträge vergeben werden.

Der politische Hindernislauf für die Photovoltaik ist mit der EEG-Novelle also noch nicht vorbei. Bumiller hofft wohl vergeblich auf konstante Rahmenbedingungen. Das wahrscheinlichste Szenario für die kommenden Jahre ist deshalb, dass es mit dem Solarstromausbau nur noch müde vorangeht. Hanwha-Q-Cells rechnet wie viele Marktbeobachter auch 2015 mit lediglich etwa zwei Gigawatt neuer Kapazität. Im Werk in Deutschland wird die Produktions-Kapazität aktuell leicht erhöht, die Zahl der Jobs ist seit der Übernahme gestiegen. Doch dabei geht es vor allem darum, neue Techniken für das Hauptwerk in Malaysia zu entwickeln und die Exportmärkte zu bedienen, heißt es bei Europas größtem Solarhersteller.

Deutschland, einst einsamer Spitzenreiter, der sich frühe Investitionen in die damals noch sehr teure Photovoltaik viel Geld kosten ließ, ist inzwischen nur noch ein Solarmarkt unter vielen – und neuerdings sogar ein besonders komplizierter. Jakob Schlandt

Der Autor arbeitet als freier Journalist mit dem Schwerpunktthema Energie in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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