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BIOMASSE
Jakob Schlandt
Eine Branche im Rückwärtsgang

Der Bau neuer Anlagen wird sich in Zukunft nicht mehr lohnen. Zu teuer, lautet das Urteil der Regierung

Wann genau die Stimmung kippte, lässt sich schwer sagen. Sicher ist die Biogas-Branche aber auch Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Das EEG in seiner Fassung von 2009 hatte einen beispiellosen Boom ausgelöst: Drei Jahre lang schossen Biomassekraftwerke in Deutschland aus dem Boden. Biogasanlagen, in denen Pflanzen und Reststoffe vergoren werden und das entstehende Gas schließlich in einem Motor verbrannt wird, lohnten sich durch einen Güllebonus besonders in Regionen mit viel Viehhaltung, wo ohnehin viel Futtermais angebaut wird. Da Mais auch ertragsreiche Bioenergiequelle ist, nahm der Anbau in einigen Gebieten monokulturartige Formen an.

Spätestens 2011, als Umweltverbände massiv gegen die Stromgewinnung aus Biomasse Front machten und auch die Grünen zusehends Kritik äußerten, war klar: Die Branche verliert ihre Rückendeckung. Entsprechend hart ist sie von den jüngsten Reformen getroffen worden. Schon mit der EEG-Reform 2012 wurde durch die Kürzung der Vergütung der Markt stark gedrosselt, die neu gebaute Kapazität von Biogaskraftwerken sank innerhalb eines Jahres von rund 800 auf zuletzt nur noch 200 Megawatt. Immerhin: Mit 6,7 Prozent Anteil an der Stromerzeugung ist die Biomasse nach der Windkraft die wichtigste regenerative Energiequelle.

Doch bei diesem Anteil wird es wohl auf viele Jahre hinaus bleiben. Manuel Maciejczyk, Geschäftsführer des Fachverbandes Biogas, hält den deutschen Markt für quasi tot: „Für die Stromgewinnung aus Pflanzenstoffen ist das neue EEG das Aus. Nur noch der Bau kleiner Anlagen zur Verstromung von Gülle und aus Bioabfallvergärungsanlagen ist wirtschaftlich darstellbar“, prognostiziert der Verband. Selbst der niedrige „Deckel“ für die Biomasse, der nach dem neuen EEG bei 100 Megawatt neuer Leistung pro Jahr liegt, wird wohl nicht erreicht werden, erwarten Branchenteilnehmer. Denn normale Biogasanlagen lohnen sich nach dem Streichen von Boni auf die Grundvergütung nicht mehr, selbst wenn sie, wie ein Großteil der bestehenden Kraftwerke, die entstehende Wärme zum Teil verkaufen können.

Die Zahl der Arbeitsplätze in der Branche werde weiter schrumpfen. Vor allem für Anlagenbauer sehe es düster aus, sie kämmen nur noch im Ausland zum Zug, erwartet der Biogas-Verband. Ohne Heimatmarkt sei es aber schwer, zu bestehen.

Fehlentwicklungen nach 2009 Obwohl in der Branche die Einschätzung geteilt wird, dass es nach 2009 zu Fehlentwicklungen kam, fragt man sich, warum die Politik ausgerechnet jetzt so hart zuschlägt. Daniel Hölder, Stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands BioEnergie, stellt fest: „Man hat nicht einmal abgewartet, bis die Reform von 2012, die ja den Boom schon beendete, ihre Wirkung richtig entfaltet hat, sondern würgt Biogas jetzt komplett ab.“ Die Branche habe früher als alle anderen Grünstromerzeuger erkannt, dass sie auf Flexibilität setzen müsse. „Doch das wurde nicht mehr honoriert“, sagt Hölder.

Diese Abwicklung deutete sich bereits durch den Wechsel des jetzigen Staatssekretärs Rainer Baake vom Think-Tank Agora Energiewende in Gabriels Energieministerium an. In den Papieren der Agora wurde klar formuliert, dass Wind und Sonne die entscheidende Rolle bei der Energiewende spielen werden – weil sie deutlich günstiger Strom produzieren. Von dieser Linie sind weder Baake noch Energieminister Sigmar Gabriel (SPD) in den Verhandlungen ums neue EEG abgewichen. Der Fachverband betont, die Folgekosten, zum Beispiel für den Netzausbau und für Reservekraftwerke, seien sehr viel niedriger – doch bis auf wenige Unterstützer im Bundestag griff kaum noch jemand diese Argumente auf. jas

Aus Politik und Zeitgeschichte

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