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RUSSLAND
Oliver Bilger
Riesige Vorkommen und wenig Wandel

Der Exportgigant plant effizientere Anlagen. Erneuerbare Energien exotisch

Russland schenkt erneuerbaren Energien bislang wenig Aufmerksamkeit. Mit seinen riesigen Vorkommen an konventionellen Ressourcen ist auch kein großer Wandel absehbar, zumal das Land auf den Export von Gas und Öl angewiesen ist. Zudem setzt Russland auf Atomkraft und lässt das Staatsunternehmen Rosatom zurzeit neun neue Reaktorblöcke bauen. Kohle spielt bei der Stromerzeugung ebenfalls eine wichtige Rolle. Der wichtigste Energieträger zur Deckung des russischen Energieverbrauchs aber ist Erdgas.

Die russische Regierung arbeitet daran, den Energiesektor zu modernisieren, die Effizienz zu erhöhen und die Nachhaltigkeit zu verbessern. Auch alternative Ressourcen will Moskau ausbauen, doch dagegen regen sich Widerstände aus Politik und Wirtschaft. Zudem gibt es offene Fragen bei Zuständigkeiten, Entwicklungsvorgaben und auf der rechtlichen Seite. Ex-Wirtschaftsminister Andrej Belousow kritisierte jüngst die fehlende Koordination verschiedener Ministerien.

Der Anteil erneuerbarer Energien bei der Strom- und Wärmeerzeugung in Russland liegt nach Angaben des Energieministeriums bei 0,8 Prozent. Von der Statistik ausgenommen ist die Wasserkraft, sofern Kraftwerke mehr als 25 Megawatt erzeugen. Es ist die einzige regenerative Energiequelle, die in Russland eine Rolle spielt und knapp 20 Prozent der Elektroenergie generiert. Bis zum Jahr 2020 will Russland den Anteil von Wind- und Solarkraft, Bioenergie und Geothermie auf 2,5 Prozent steigern. Mehr als sechs Gigawatt Kraftwerksleistung sollen dann aus erneuerbaren Energiequellen gewonnen werden. Den gesamten Energieverbrauch pro Wirtschaftseinheit will Russland deutlich senken, bislang ist er drei Mal so hoch wie in Westeuropa. Als sinnvoller Einsatzort für erneuerbare Energie gilt Experten vor allem der asiatische Teil des Riesenlandes: Sibirien und der ferne Osten. In den entlegenen Regionen, besonders im Norden, fehlt es an Infrastruktur wie Übertragungsnetzen. Windkraftanlagen könnten in diesen Gebieten mit Dieselgeneratoren gekoppelt werden. Bislang gibt es allerdings fast keine Windparks in Russland, ähnlich sieht es bei der Nutzung von Solarenergie aus. Überhaupt ist die Erzeugung von Ökostrom deutlich teurer als der durchschnittliche Einkaufspreis auf dem Strommarkt. Die Mehrkosten müssten auf die Verbraucher umgelegt werden. So ist das Interesse der Netzbetreiber an unabhängigen alternativen Erzeugerkapazitäten nach Angaben von Energieminister Alexander Nowak gering. Potenzial für erneuerbare Energien sieht Nowak auf der annektierten Halbinsel Krim, die bislang zum größten Teil von der Ukraine versorgt wurde. Moskau will die alternative Stromerzeugung dort vorantreiben.

Vermehrtes Augenmerk schenkt die Regierung neuerdings dem Fracking. Bislang war Russland hier zurückhaltend, besonders bei der Förderung von Schiefergas. Allerdings steigerte Russland im vergangenen Jahr die Produktion von Schieferöl durch Fracking: von fünf auf zehn Millionen Tonnen. Gemessen an der Gesamtfördermenge von mehr als 500 Millionen Tonnen Öl pro Jahr ist der Anteil aber winzig. Viele Lagerstätten galten bislang als zu schwer zugänglich, die Förderung war unattraktiv. Nun unterstützt die Regierung die Erschließung mit Steuervorteilen. Oliver Bilger

Der Autor ist Korrespondent in Moskau.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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