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POLEN
Ulrich Krökel
Große Sorgen vor russischer Willkür

Die Regierung setzt auf Braunkohle, Atomkraft und Fracking. Wenig Ökoenergie

Polen blickt in der Energiepolitik weniger auf Deutschland als auf Russland. Die Moskauer Staatskonzerne Gazprom und Rosneft decken einen wichtigen Teil des polnischen Energiebedarfs ab. Zwei Drittel des Erdgases und 90 Prozent des Öls stammen aus Russland. Nicht erst seit Beginn der Ukraine-Krise empfindet Polen diese Abhängigkeit als Problem. In rechtskonservativen Kreisen ist von einer Bedrohung der nationalen Sicherheit die Rede.

An diesem Punkt kommt auch Deutschland in Spiel. Die Berliner Energiepolitik hat im Nachbarland weniger durch den geplanten Atomausstieg als durch den Bau der Ostseepipeline Spuren hinterlassen. Der Beschluss, zwei Gasröhren von Russland an Polen vorbei durch das Meer nach Deutschland zu verlegen, löste in Warschau 2005 einen Schock aus.

Vom EU-Beitritt ein Jahr zuvor hatte sich Polen große Schritte hin zu einer europäischen Energiesolidarität erhofft, die durch die Pipeline aus Warschauer Sicht untergraben wurde. Seither lautet die Maxime in der Energiepolitik: „Unabhängigkeit durch Diversifizierung“. Dabei spielen vor allem Kohle, aber auch Atomkraft und Fracking eine herausgehobene Rolle. Ministerpräsident Donald Tusk hat klar gemacht, dass „Kohle die Basis unserer Energiewirtschaft bleiben wird“.

Verwundern kann das kaum. Fast 90 Prozent des Stroms liefern Kraftwerke, die mit heimischer Braunkohle befeuert werden. Bezogen auf die gesamte Primärenergie, liegt der Kohleanteil bei gut 50 Prozent. Schaut man sich den Energiemix genauer an, wird zugleich klar, dass die Angst vor Russlands Angebotsmacht nur bedingt berechtigt ist. Gas trägt zu rund 13 Prozent zur Versorgung bei. Erdöl liegt zwar bei etwa einem Viertel. Einen Ausfall russischer Lieferungen könnten aber andere Anbieter wie Norwegen oder die Golfstaaten vergleichsweise leicht kompensieren.

Auf Lieferungen aus Katar hofft Polen auch beim Flüssiggas. In Swinemünde entsteht ein Terminal, das 2015 fertiggestellt sein soll. Deutlich länger dauern wird der Bau des ersten polnischen Atomkraftwerkes. Trotz der Atomkatastrophe von Fukushima hält die Regierung an den AKW-Plänen fest. 2024 sollen, vermutlich nahe Danzig, zwei Reaktoren in Betrieb gehen. Ein weiteres AKW soll kurz darauf folgen. Experten erwarten aber Verzögerungen.

Langsamer als erhofft kommt Polen auch beim sogenannten Fracking voran. Forscher haben im Land große Vorkommen an Schiefergas ausgemacht. Da es an Fördertechnik fehlt, hat die polnische Regierung nunmehr US-Konzerne ins Boot geholt. Angesichts schwieriger geologischer Verhältnisse ist hier aber kein schneller Durchbruch in Sicht.

Die „Erneuerbaren“ kommen im Energiemix auf nur rund acht Prozent (meist Biomasse). Bis 2020 soll der Anteil auf 15 Prozent steigen, vor allem durch den Ausbau der Windenergie. Weitergehende Pläne gibt es kaum, was auch mit der relativ schwachen Umweltbewegung zu tun haben mag. Im Wirtschaftswunderland Polen hat derzeit das Wachstum Vorrang. Ulrich Krökel

Der Autor ist Korrespondent in Warschau.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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