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interview
Claus Peter Kosfeld
»Westen nicht bedroht«

Seuchenexperte Gottschalk zur Ebola-Katastrophe

Herr Gottschalk, die Ebola-Epidemie in Westafrika hat jetzt fast 4.500 Tote gefordert. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Für die Afrikaner ist es eine Apokalypse. Was diese armen Menschen durchmachen, kann man sich nicht vorstellen. Aber für die westliche Welt ist das keine Bedrohung, weil unser Gesundheitssystem gut ist.

Wie konnte es dann zu Infektionen in den USA und Spanien kommen?

Das ist schwer zu sagen. Wir haben hier in Frankfurt eine lange Erfahrung mit solchen Erkrankungen, wir haben das Hochsicherheitslabor in Marburg, das seit 1967 mit gefährlichen Erregern arbeitet, und es hat nie eine Übertragung gegeben. Wir verfügen über eine gute Schutzausrüstung und ein sehr gutes Training. Bei uns ist niemals ein Mitarbeiter in dem Bereich allein am Patient oder muss sich allein den Schutzanzug ausziehen. Es sind immer Kollegen dabei, die helfen, auch bei der ersten Desinfektion und erst dann wird der Anzug ausgezogen. Ebola lässt sich leicht desinfizieren. Es reicht im Prinzip eine waschaktive Substanz, um es zu inaktivieren..

Wie groß ist die Gefahr, dass sich Ebola in Deutschland ausbreitet?

Was die Ausbreitung angeht: null. Dass ein Einzelfall auftreten kann, will ich gar nicht verneinen, aber Patienten würden bei uns sofort behandelt, Kontaktpersonen würden gesucht und gefunden, und im Gegensatz zu Afrika würden die sich ja auch gerne bei uns melden.

Haben wir denn wirklich genügend Isoliermöglichkeiten hier?

Wir sind weltweit führend, was die Isolierbetten angeht. Wir haben derzeit 50 und die werden wir sicher erst einmal nicht brauchen.

Selbst wenn im Supermarkt oder Fußballstadion ein Verdachtsfall auftritt, gerät das System nicht außer Kontrolle?

Nein, bei uns herrscht gesunder Menschenverstand vor. Selbst wenn jemand behaupten würde, da wäre ein Ebola-Fall, würde man das schnell in den Griff kriegen.

In einer Großstadt U-Bahn zu fahren oder ein Konzert zu besuchen, halten Sie in Zeiten von Ebola für ungefährlich?

Da kriegen Sie eher eine Meningitis oder eine Tuberkulose als irgendwas anderes.

Wie muss man sich die Rettungskette vorstellen, die jetzt aufgebaut wird?

Wenn ein deutscher Mitarbeiter sich in Afrika infizieren würde, was absolut unwahrscheinlich ist, weil wir ihn schulen und er gute Schutzkleidung hat, wird eine besondere Maschine, die mit einem geschulten Team hinfliegt, ihn aufnehmen und während des Fluges versorgen können. Der Patient kommt dann in ein Behandlungszentrum und wird intensivmedizinisch betreut.

Wer ist an der Rettung beteiligt?

Bei uns in Frankfurt eingebunden ist die Flughafenfeuerwehr, die Berufsfeuerwehr, die Airportsicherheit, Bundespolizei, Landespolizei, wir vom Kompetenzzentrum, der Rettungsdienst, leitende Notärzte. Und die sind alle trainiert.

Beim Training wird geübt, wie man einen Schutzanzug an- und auszieht?

So ist es. Da achte ich sehr darauf, dass niemand in einem Schutzanzug arbeitet, der nicht trainiert ist.

Ist Ebola drastischer als das, was Sie an Infektionskrankheiten schon hatten?

Für den, der es hat, ist es eine schlimme Erkrankung. Aber Ebola ist eigentlich einfach zu bekämpfen, weil es nicht über die Luft übertragen wird wie Grippe, es ist auch nicht übertragbar, bevor Symptome aufgetreten sind und Sie können sich nur infizieren, wenn sie ganz nah an den Patienten herangehen. So eine Erkrankung ist für einen Seuchenbekämpfer eigentlich ideal. Aber für den, der Ebola abbekommen hat, ist es ganz schlecht.

Muss sich die Bevölkerung in dieser Lage irgendwie vorbereiten?

Nein, überhaupt nicht. Es gibt für Deutschland keine Bedrohungsszenarien. Wir müssen jetzt den Afrikanern dringend helfen. Aber diese Epidemie ist mit den Maßnahmen des öffentlichen Gesundheitsdienstes dort nicht mehr zu stoppen. Die westliche Welt hat viel zu lange zugeschaut, ohne etwas zu tun. Wir müssen jetzt auf einen Impfstoff warten. Aber das ändert nichts daran, dass für Deutschland keine Bedrohungslage da ist.

Was halten Sie von Kontrollen an Flughäfen mit Fiebermessungen?

Das macht keinen Sinn. Sie können ein ganzes Flugzeug mit Ebola-Infizierten haben, wenn die innerhalb der Inkubationszeit einreisen und keine Symptome haben, dann finden Sie die nicht. Und wenn Sie im Ausland sind und unbedingt heim wollen, weil sie krank sind, wissen aber, dass Fieberscreenings gemacht werden, dann können Sie das Fieber so weit runter kriegen, dass die Geräte nicht anspringen. Außerdem müssten sie dann ja auch den Bus- und Zugverkehr screenen, das ist schwierig.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass ein Impfstoff bald bereit steht?

Es gibt schon Tests an gesunden Freiwilligen. Da ist es relativ wahrscheinlich, dass es in absehbarer Zukunft einen Impfstoff geben wird.

Sprechen wir nächstes Jahr noch immer über Ebola?

Im ersten Quartal auf jeden Fall. Dann haben wir hoffentlich einen Impfstoff.

Das Gespräch führte Claus Peter Kosfeld.

Professor René Gottschalk ist Infektiologe und Sprecher des Ständigen Arbeitskreises der Kompetenz- und Behandlungszentren für hochkontagiöse und lebensbedrohliche Erkrankungen. Der STAKOB ist seit 2014 aktiv und beim Robert-Koch-Institut (RKI) angesiedelt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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