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Ortstermin: »Plenarsitzung« im Deutschen Dom
Sören Christian Reimer
»Politik mal selbst machen dürfen«

Jetzt gilt es: Ein Gesetzentwurf zur Einführung des Führerscheins ab 16 Jahren steht zur Abstimmung. Bundeskanzlerin Mona Katzenberger kann auf die große Mehrheit ihrer Regierungsfraktionen von CDU/CSU und SPD bauen. Schon in der Debatte hatten deren Redner ihre Unterstützung deutlich gemacht. Bundestagspräsidentin Gabriele Schnurnberger lässt die Abgeordneten per Handzeichen entscheiden: Bei CDU/CSU und SPD schießen die meisten Arme in die Höhe. Doch auch die größte Oppositionsfraktion im Plenum, Die Linke, scheint das Gesetz der Bundesregierung zu mögen. Sie stimmt einstimmig dafür. Die Abgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen sprechen sich einmütig gegen den Vorschlag aus. Doch auch bei der CDU/CSU sind plötzlich einige Ausreißer zu verzeichnen. Die Bundestagspräsidentin ist überrascht. „Das ist schon ein ungewöhnliches Abstimmungsergebnis“, kommentiert Schnurnberger und fügt mit Blick auf die Abweichler in den größten Regierungsfraktion hinzu: „Ich bin mir sicher, dass darüber in der nächsten Fraktionssitzung diskutiert wird.“ Dazu wird es nicht kommen, denn die Fraktion löst sich nach Schluss der Sitzung auf. Aus den Volksvertretern werden wieder Schüler der 9d der Realschule am Stoppenberg in Essen; Bundeskanzlerin, Minister, Bundesratspräsident und Bundestagspräsidentin sind in Wirklichkeit Mitarbeiter des Besucherdienstes des Deutschen Bundestages. Es war alles nur ein Spiel.

Seit November 2013 bietet der Bundestag im Deutschen Dom am Berliner Gendarmenmarkt das Rollenspiel „Plenarsitzung“ an. Dazu wurde in der Dauerausstellung „Wege – Irrwege – Umwege“ über die deutsche Parlamentsgeschichte ein kleiner Plenarsaal eingerichtet. Das Angebot erfreut sich großer Beliebtheit – auch bei den Jugendlichen aus Essen. „Die Simulation ist sehr lebensnah“, so Lehrerin Angelika Weyerhorst. Gemeinsam mit ihren Schülern besuchte sie auf Einladung einer Abgeordneten die Hauptstadt. Noch am Morgen saß die Gruppe auf der Tribüne im echten Bundestagsplenum und lauschte der Debatte zur Sterbehilfe. Am Nachmittag waren sie dann selbst Volksvertreter. „Man merkt, wie hart das ist. Es macht aber auch viel Spaß“, berichtet der 14-jährige Luis. Für seine Fraktion stand der Schüler am Pult und begründete frei redend vor Mitschülern seine Position. Keine leichte Aufgabe, doch Luis und seine Klassenkameraden meisterten sie mit Bravour.

Die Interaktivität der Simulation, nämlich „Politik mal selbst machen zu dürfen“, komme bei den Besuchern besonders gut an, so Schnurnberger. Auch den Mitarbeitern des Besucherdienstes merkt man den Spaß an, wenn sie in ihre Rollen schlüpfen. Fast nebenbei bringen sie ihren Gästen auch die Grundzüge und Finessen des politischen Systems bei: Dieter Titze erklärt als Bundesratspräsident erstmal, wer das eigentlich ist und wie das festgelegt wird. Auch Fragerecht im Plenum, parlamentarische Gepflogenheiten und Verfahren werden so spielerisch vermittelt. Das lässt sich auch die echte Politik nicht entgehen. Kurz nachdem die Essener Klasse den Dom verlassen hat, trifft Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) ein und nimmt an einer simulierten Sitzung teil – ganz gewohnt als Leiterin der Sitzung.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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