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Gastkommentare - Pro
Frank Thewes
Gefährlicher Glaube

Muss der Staat jetzt Schulden Abbauen?

Nichts ist in der Politik so gefährlich wie der Glaube, dass sich Finanzlöcher von selbst schließen. Deshalb sollte unser Land jede passende Gelegenheit nutzen, den aufgehäuften Schuldenberg zumindest teilweise aktiv abzutragen: Wann, wenn nicht jetzt, sollten wir diese Last denn sonst verringern?

Die Annahme, bei Null-Neuverschuldung verringere sich die Last der Schulden im Verhältnis zur (steigenden) Wirtschaftskraft automatisch, ist nämlich trügerisch. Denn diese Gleichung blendet zwei wichtige Variablen aus: erstens den historisch (und wohl auch ungesunden) niedrigen Zinssatz und zweitens die Tatsache, dass sich Deutschlands Schulden wegen unserer Demographie schon in naher Zukunft auf deutlich weniger Köpfe verteilen werden. Die Steuer- und Beitragszahler der Jahre ab 2030 bekommen schon durch unsere umlagefinanzierten Sozialsysteme gigantische Forderungen aufgebrummt. Sie können nicht auch noch andere Altlasten aus den vergangenen Jahrzehnten als Daueraufgabe übernehmen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Zinsen (auch für Bundesschulden) in den nächsten Jahren wieder anziehen, ist groß. Und damit kommt die ganze Schuldenwahrheit wieder auf den Tisch: Die rund 1,3 Billionen Euro Bundesschulden kosten die Steuerzahler knapp 30 Milliarden Euro jährlich. Wäre der Zins aktuell so hoch wie im Jahr 2000, müsste der Bund für seinen Kreditberg statt 29 Milliarden Euro rund 65 Milliarden Euro im Jahr zahlen – mehr als doppelt so viel wie heute. Die 36 Milliarden Euro Unterschied sind mehr als der komplette Verteidigungsetat. Wer also Schulden nicht abbaut, muss seinen Bürgern über kurz oder lang drastische Einsparungen oder rabiate Steuererhöhungen zumuten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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