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ChristenTUM
Susanne Güsten
Anatolische Wurzeln

Die Türkei tut sich schwer mit dem Erbe

Die Türkei ist heute ein muslimisches Land, doch die Wurzeln der christlichen Kultur reichen tief in ihre Erde hinein. Anatolien ist die historische Heimat des Christentums, wo die Apostel die ersten Gemeinden gründeten und die Anhänger von Jesus Christus erstmals Christen genannt wurden. Aus Konstantinopel, wie Istanbul früher hieß, stieg das Christentum von einer verfolgten Sekte zur Weltreligion auf. Und auf heute türkischem Boden – in Nicaea und Ephesus, in Konstantinopel und Chalcedon – wurden auf den sieben Ökumenischen Konzilen die Grundlagen der christlichen Theologie ausgefeilt.

Heute ist weniger als ein halbes Prozent der türkischen Bevölkerung christlichen Glaubens, vor 100 Jahren waren es noch 20 bis 30 Prozent. Die Vertreibung und Massakrierung der Armenier und anderen anatolischen Christen von 1915, der Bevölkerungsaustausch mit Griechenland von 1922 und die repressive Minderheitenpolitik der Türkischen Republik haben die christliche Bevölkerung auf heute noch 100.000 bis 200.000 dezimiert, darunter vor allem armenische und aramäische Christen sowie Griechisch-Orthodoxe, Chaldäer, Katholiken und Protestanten.

Praktisch handlungsunfähig Der türkische Staat erkennt davon nur die Armenier und Griechisch-Orthodoxen als religiöse Minderheiten an, denen er bestimmte Rechte auf ihre Sprache und eigene Schulen zugesteht. Doch selbst diesen Kirchen wird vom Gesetz keine Rechtspersönlichkeit zugestanden, was sie praktisch handlungsunfähig macht. Nach wie vor ist in der Türkei zudem ein teils militanter Nationalismus verbreitet, der die Christen als Agenten ausländischer Mächte anfeindet.

Die islamisch inspirierte AKP-Regierung hat die Lage der Christen in den vergangenen Jahren etwas verbessert – sie hat die Rückgabe staatlich enteigneten Kirchenbesitzes verfügt, geschlossene Kirchen wieder eröffnet und sich als erste türkische Regierung mit den christlichen Kirchenführern getroffen. Bis zur Gleichberechtigung der Christen ist es allerdings noch ein weiter Weg, zumal der Reformeifer der Regierung zuletzt erlahmt ist. Ein wichtiger Schritt wäre die Erlaubnis zur Wiedereröffnung des orthodoxen Priesterseminars Halki, das für den geistlichen Nachwuchs des Patriarachts von Konstantinopel zuständig und seit über 40 Jahren geschlossen ist.

Mindestens ebenso wichtig wäre die Anerkennung der Christen als vollwertige Staatsbürger, rechtlich in einer neuen Verfassung wie auch praktisch im Alltag. Bisher war Christen in der Türkei der Weg in den Staatsdienst versperrt. Als revolutionär galt es daher, dass Ministerpräsident Ahmet Davutoglu kürzlich den armenischen Intellektuellen Etyen Mahcupyan zu seinem Chefberater berief. Seit der letzten Parlamentswahl sitzt erstmals seit einem halben Jahrhundert ein christlicher Abgeordneter im Parlament.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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