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Aufgekehrt
Sören Christian Reimer
Stillose Kritik

Von einer 31-jährigen Sprecherin eines US-Kongressabgeordneten sollte man eigentlich erwarten, dass sie weiß, wie der Hase läuft, wenn es um soziale Medien und Lästereien geht. Vor allem, wenn sie auch noch mehr als 14.000 „Follower“ auf dem Kurznachrichtendienst „Twitter“ hat. Diese Sprecherin hielt es offenbar für eine gute Idee, einen offenen Brief an die Töchter des US-Präsidenten Barack Obama zu verfassen. Sie echauffierte sich über deren Verhalten während der traditionellen Begnadigung eines Truthahns an Thanksgiving durch Vater Barack. Die beiden Mädchen hätten mehr „Klasse“ zeigen sollen, während ihr Vater politische Insider-Witzchen machte. Und dann ließ sie sich auch noch über die Klamotten der 13- beziehungsweise 16-jährigen Teenager aus. Damit hätten sie eher in eine Bar als ins Weiße Haus gepasst, urteilte die Sprecherin ungefragt über die Jugendlichen.

Nun schreiben tagtäglich sehr viele Menschen sehr viel Mist im Internet. Vieles davon verhallt. Dieses Glück hatte die Sprecherin nicht. In den sozialen Medien verbreitete sich ihr Kommentar in Windeseile, die Empörung war entsprechend groß. Wenig später entschuldigte sie sich öffentlich. Nach langen Gebeten und Gesprächen mit ihren Eltern habe sie bemerkt, dass das, was sie geschrieben hatte, vielleicht nicht so angemessen war. Warum es göttlichen Beistand und Gespräche mit Mama und Papa braucht, um festzustellen, dass man sich mit abfälliger, sexistischer Kritik an jungen, ohnehin in der Öffentlichkeit stehenden Mädchen zurückhalten sollte, erklärte sie nicht. Die Entschuldigung reicht offenbar nicht aus: Wenig später erklärte sie, dass sie ihren Job an den Nagel hängt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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