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Gastkommentare - Pro
Richard Herzinger
Schlimme Illusion

Ist der Abzug aus Afghanistan verfrüht?

Um den Abzug ihrer Kampftruppen aus Afghanistan nicht wie eine Flucht aussehen zu lassen, reden sich die Nato-Staaten die Sicherheitslage in Afghanistan schön. Doch mit Beschwörungsformeln wie der, man habe seine Ziele am Hindukusch erreicht, kann man allenfalls das eigene Gewissen täuschen – nicht aber die Taliban, die in der Offensive sind und denen die unzuverlässige afghanische Regierungsarmee auf Dauer nicht gewachsen ist.

Was den Afghanen droht, lässt sich am Schicksal des Irak ermessen: Dort bliesen die USA just zum Rückzug, als es ihnen endlich gelungen war, die jahrelang katastrophale Lage einigermaßen zu stabilisieren. Ohne die amerikanische Ordnungsmacht aber stürzte das Land bald zurück in den sektiererischen Bürgerkrieg. Mit dem Vormarsch der Schlächtertruppe IS ist die Situation nun verheerender und verzweifelter denn je.

Die westliche Kriegsmüdigkeit nach vielen frustrierenden Erfahrungen mit einem Afghanistan-Einsatz, der auf mancher illusionären Erwartung gründete, ist verständlich. Doch wer glaubt, man könnte das Land nun einfach sich selbst überlassen, ohne dass dies Folgen für die globale – und damit die eigene – Sicherheit hätte, gibt sich einer neuen, noch schlimmeren Illusion hin. Wo sich der Westen in der Region zurückzieht, tragen andere Mächte ihre Stellvertreterkriege aus. Ein ins Chaos zurücksinkendes Afghanistan aber wird den Kollaps der Stabilität im gesamten Nahen Osten weiter beschleunigen. Gewiss: Die Ansätze ziviler und demokratischer Errungenschaften weiter zu verteidigen, die sich in Afghanistan trotz aller Fehlschläge herausgebildet haben, hätte einen Preis. Der Preis dafür, sie Hals über Kopf aufzugeben, wird jedoch ungleich höher sein.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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